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Schönfeld feiert diesjahr (2016) sein 800-jähriges Bestehen. Stimmt das eigentlich? Welche Beweise haben wir dafür? Und damit es vor unserem inneren Auge lebendig wird: was waren das für Menschen, deren Gene wir noch in uns tragen, die unsere Gegend urbar gemacht haben. Woher kamen sie, wie haben sie gesprochen, gesungen, getanzt. Was haben sie geglaubt, gegessen, wie kamen sie zurecht miteinander. Wie war die politische Lage, waren es schon Deutsche, war es wirklich so eine dunkle Zeit? So, jetzt gehts los, die Zeitreise beginnt (und, bitte: es ist ein Versuch, der unvollständig bleiben muß und Raum für etwas Fantasie bietet, wo die Fakten fehlen. Wer es besser weiß oder etwas hinzufügen möchte, kann sich gerne melden: Mail an Webmaster.)
Ach so: "Tammo". Er war die erste urkundlich bezeugte Person in unserem Gemeindegebiet: Tammo de Sconevelt, Edler (Ritter?) auf einer längst verschollenen Wasserburg, deren Reste noch bei Ausgrabungen zu finden sind. Ich nenne ihn hier einerseits der Kürze halber mit allem schuldigen Respekt beim Vornamen, andererseits: der Gebrauch von Vor- und Familiennamen wurde erst später üblich. Die Leute trugen nur einen Namen, wenn nötig mit Beinamen, der aus Herkunft, Beruf, Abstammung usw. abgeleitet wurde. Adlige allerdings trugen seit der Erblichkeit der Lehen schon im 11. Jhd. feste Familiennamen wegen der Erbansprüche. Hier der Wikipedia-Artikel zur Entwicklung der Familiennamen.
Schönfelder Traumschloss Eine kurze Zusammenfassung zu den Wurzeln von Schönfeld findet man auf der Website des Traumschlosses =>
Am 21. Januar 2016 präsentierte das Dresdner Stadtarchiv die bewußte Urkunde im Beisein unseres Bürgermeisters. archiv.sachsen.de Auf der Website der Historikerin Susanne Baudisch www.susannebaudisch.de wird näher darauf eingegangen. Das Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. liefert uns auch den Text der Urkunde mit Erläuterungen, zum einen in der Urkundensammlung der Markgrafen von Meißen,
Urkunden der Markgrafen zum anderen der des Klosters Altzella: Urkunden Altzella Der 21. Januar 1216 also. Ist es eine Datierung im heutigen Stil, also Gregorianischer Kalender? Der wurde aber erst von Papst Gregor XIII. im 16. Jhd. verordnet. Die protestantischen Gebiete (u.a. Sachsen) haben sich mit der Einführung schwer getan, sie hatten es nicht so mit dem Papst. Zu Tammo's Zeiten galt noch der Julianische Kalender. Der geht auf Gajus Julius Cäsar zurück, galt teilweise bis ins 20. Jhd. Das Julianische Jahr ist 11 min 14 sek zu lang gegenüber dem Sonnenjahr, dadurch hinkte es im 13. Jhd. schon 7 Tage hinterher. Hier ein Link zur Online-Kalender-Umrechnung. Video: Datierung im MittelalterAuch setzte man den Jahresanfang nicht unbedingt auf den 1. Januar, es gab verschiedene "Stile", in der o.a. Dokumentensammlung von Altzella nimmt der Historiker den Annunziationsstil an, wo das neue Jahr am 25. März heutigen Stils begann. Es ist also nicht immer einfach, die Ereignisse genau zu datieren. Es liefert uns immerhin Anhaltspunkte für schöne Feiern, auch wenn sicherlich Besiedlung und Bewirtschaftung schon weit vorher begannen. Untersuchen wir mal die in der Urkunde angegebene Datierung ein wenig:

"Acta sunt hec anno ab incarnatione domini nostri Iesu Christi millesimo ducentesimo XVI, indictione V, XII kal. febr. in civitate nostra Dreseden; feliciter."

Übersetzung: Diese Rechtsakte wurden erlassen im Jahre seit der Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus Tausend Zweihundert 16, Indiktion 5, 12 kal. febr. in unserer Stadt Dreseden, erfolgreich.

Ist hier also der 12. Februar 1216 nach dem Julianischen Kalender gemeint? Nein! Denn XII kal. febr. bedeutet, daß wir vom Februarbeginn aus 12 Tage zurückrechnen müssen, wobei der 1. Februar mitgezählt wird, so daß wir auf den 21. Januar kommen! Siehe dazu das Video zur Datierung im MA ab 9:40. Und das im julianischen Kalender! Wenn wir da mal den Kalenderumrechner bemühen, so ergibt sich aus dem 21.1.1216 der 28.1.1216 nach heutigem (gregorianischem) Kalender. Wer also schon am 21.1. feierte, der lag zu früh und mußte eine Woche später nochmal feiern. Da fand die Veranstaltung in Dresden eigentlich wohl am falschen Tag statt?! Na, wir feiern sichertshalber erst Ende August, und gleich eine ganze Woche lang. Da kann keiner meckern. Und falls sich überraschenderweise noch frühere Urkunden mit Hinweisen auf unser Schönfeld finden, so ist vielleicht eine 850- oder 900-Jahrfeier gar nicht mehr so fern... Jedenfalls sind wir so besser dran als die Großenhainer, die schon 1954 ihre 1000-Jahrfeier hatten, was zu ziemlichen Querelen führte, da eigentlich erst 1205 als Jahr der Ersterwähnung gilt (im Zusammenhang mit dem Hayner Scheffel, klick dazu mal hier zum Artikel von Joachim Neumann).
Die Indiktion (lateinisch indictio) ist ein zusätzlicher Hinweis auf das betreffende Jahr. Sie ist ein 15-jähriger Zyklus zur Jahreszählung, in dem seit der Antike die Steuern festgesetzt wurden und der bis zum Ende des Mittelalters häufig verwendet wurde. 5 bedeutet, daß es das 5. Jahr der aktuellen Steuerperiode war. Nach der 15 begann eine neue und es ging wieder mit der 1 los. Und es gab eben verschiedene Indiktionsstile, wie der Historiker in der Fußnote erwähnt. Auch dafür hier ein Online-Indiktionsumrechner.
Übrigens: Wir können davon ausgehen, daß das Geschlecht der Edlen von Schönfeld weit vor das Jahr 1216 zurückgeht und weit verzweigt war. So wird im Großen vollständigen Universallexikon aller Wissenschaften und Künste von 1743 Band 35 auf Seite 415 unter vielen anderen ein "Schönfeld, ein Dorf mit einem adelichen Ritter-Guthe in Meissen, zwischen Grossen-Hahn und Königsbrück" erwähnt. Wikipedia Und weiter heißt es da: "Schönfeld, ein uraltes berühmtes Geschlecht, welches in vorigen Zeiten fast auf allen Turnieren erschienen, und sich nicht nur in Meissen, sondern auch in Thüringen, Francken, Schwaben, Lausitz, Böhmen und anderen Landen ausgebreitet. In Meissen besitzet es die Güther Döben, Löbnitz, Wachau und Bircka, und mögen auch vermuthlich die vielen Dörffer dieses Nahmens von diesem Geschlechte erbauet worden seyn. Wolff von Schönfeld, ein tapfferer Ritter, stund bey dem Sächsischen Herzoge Otten dem Grossen (der Erlauchte), so 912 gestorben, in grossem Ansehen. Wilhelm, von einigen auch Wolff genannt, wird unter den Turnier-Genossen zu Merseburg vom Jahr 968, und Fritz vom Jahre 996 unter denen zu Braunschweig erwähnt. Wappenbuch des HRR (Bayrische StaatsBibliothek) Otto von Schönfeld legte 933 unter Heinrichen dem Vogler in der Schlacht wider die Hunnen bey Merseburg seine Tapfferkeit an den Tag. Popo von Schönfeld wird in einem dem Kloster Michaelfeld 1119 ertheilten Privilegien als Zeuge angeführet." usw. Ritter Tammo konnte also mit Sicherheit auf berühmte Vorfahren zurück blicken. Hätten sie nur immer mal was aufgeschrieben und sicher verwahrt! Jedoch lesen und schreiben waren keine Rittertugenden, aber hätten sie wenigstens ein Mönchlein mit sich geführet, das alles getreulich notiret ... Hätte hätte - Fahrradkette. Wir erkennen die tiefe Wahrheit des alten Spruches "Wer schreibt, der bleibt!", zumindest in Erinnerung.
Nun ja, sicher haben sich die Edlen von Schönfeld auch immer mal gegenseitig besucht. Vielleicht weniger zu Geburtstagsfeiern (sie haben noch nicht so nach dem Kalender gelebt), eher wohl zu Taufen und Hochzeiten, welche ja zu den kirchlichen Sakramenten gehören; zu Begräbnissen, und sie haben sich bestimmt auch immer mal gegenseitig zu Festen eingeladen, die der Repräsentation und Geselligkeit dienten und den Alltag abwechslungsreicher machten. Auch wollten sich die jungen adligen Damen und Herren im heiratsfähigen Alter ja mal kennenlernen!
Nun aber hier gleich mal ein Video vom 20. Historischen Besiedlungszug auf dem Weg nach Kloster Altzella: Video Besiedlungszug Da kommen sie. Es waren deutschsprachige Siedler, die wegen der starken Bevölkerungszunahme in Europa neue Siedlungsgebiete im Osten suchten:
Wikipedia: Deutsche Ostsiedlung Dem war die kriegerische Ostexpansion des Ostfrankenreiches im 10.-12. Jhd. gegen slawische Stämme vorangegangen. Dabei entstand auch die Mark Meißen. Wikipedia Waren es schon Deutsche? Im sprachlichen Sinne schon. Das Adjektiv diutisc oder theodisk bedeutete ursprünglich so viel wie „zum Volk gehörig“ oder „die Sprache des Volkes sprechend“ und wurde seit spätkarolingischer Zeit (9./10. Jhd.) zur Bezeichnung der nicht-romanischsprechenden Bevölkerung des Frankenreichs, aber auch der Angelsachsen benutzt. Es entstand in Abgrenzung zum Latein der Priester wie auch zum walhisk, der Bezeichnung für die Romanen, aus der das Wort Welsche entstanden ist. Erst seit dem 10. Jhd. bürgerte sich die Anwendung des Wortes diutisc auf die Bewohner des Ostfrankenreichs ein, von dem heute der flächenmäßig größte Anteil zu Deutschland gehört. Siehe dazu den Wikipedia-Artikel. Als Ursprung des heutigen Frankreichs und Deutschlands gilt die Aufteilung des Frankenreichs im Vertrag von Verdun anno 843. Das Heilige Römische Reich trug erst seit etwa 1550 den Zusatz „Deutscher Nation“.
Nach den zahlreichen Kriegen des 10. und am Beginn des 11. Jahrhunderts verlief die Integration des sorbischen Siedlungsgebiets in das Reich in der folgenden Zeit auf friedliche Weise. Der König, die Markgrafen und nicht zuletzt die kirchlichen Institutionen förderten den so genannten Landesausbau. Die Phase der Hochkolonisation erstreckte sich von etwa 1150 bis 1300 und wurde hauptsächlich von deutschen Siedlern getragen, welche unter anderem aus Flandern, den Niederlanden, Sachsen, Franken, Thüringen und dem Rheinland kamen. Die alteingesessenen sorbischen Einwohner wurden zumeist nicht vertrieben, vielmehr entstanden die neuen deutschen Dörfer fast immer auf gerodeten Flächen. An bereits besiedelten Stellen erweiterte man die bestehenden slawischen Siedlungen. Siehe dazu den Wikipedia-Artikel. Hier eine Karte des Stauferreiches im 12./13. Jhd. (Bildquelle: Atlas zur Geschichte Band 1, VEB Hermann Haack, Geographisch-Kartographische Anstalt Gotha/Leipzig 1981). Und zur Auflockerung wieder ein Video vom Einzug der Siedler auf dem Meißner Burgberg Video Besiedlungszug (damals hätte sie der Burgvogt kaum reingelassen! Sie hättens wohl auch nicht gewollt, denn, alte Weisheit: "Gehe nich zu deinem Fürst, wenn de nich gerufen wirst!"). Hier Fabula mit dem Welschen Weibertanz beim Klosterfest Altzella. Video Welscher Weibertanz.
Deutsche Sprache - wie klang die damals? Es war Wikipedia: Mittelhochdeutsch, die Sprache der höfischen Literatur zur Zeit der Staufer, daraus entwickelten sich die Wikipedia: Thüringisch-obersächsische Dialektgruppe und speziell bei uns Wikipedia: das Meißenische. => Karte der meißnischen Mundarten
Video Podcast MittelhochdeutschPodcast Mittelhochdeutsch für das Einführungsseminar "Sprachgeschichte" =>
Berühmte Beispiele: Der Sachsenspiegel, ältestes Rechtsbuch des Mittelalters (ca. 1220) des Eike von Repgow,Video Sachsenspiegel die Dresdner Bilderhandschrift des Sachsenspiegel, der Gothaer Codex - die älteste und prachtvollste Überlieferung der Sächsischen Weltchronik, das Nibelungenlied (wahrscheinlich um 1200). Video  Nibelungenlied
Nun aber zurück zu Tammo und seinen Gefährtinnen und Gefährten. Wie sah wohl seine Wasserburg aus? Bekannt ist, daß im Kampf gegen die Slawen neben den Großburgen überall kleinere Burgwarde angelegt wurden. www.ottonenzeit.de Wo es möglich war, nutzte man natürliche Gegebenheiten, wie Felsen, Berge, Wasserhindernisse als taktischen Vorteil. Vorrangig war die Schutzfunktion und deswegen war es darin nicht sehr wohnlich. Mauern, Türme, Zugbrücken gehörten immer dazu. Zuerst entstand wohl immer ein Turm zur Verteidigung und zum Wohnen. Heute ist kaum noch eine Wasserburg original erhalten, es sei denn als Ruine. Mit dem Aufkommen der Wikipedia: Schwarzpulver-Belagerungsgeschütze im 14. Jhd wurden sie entweder zu Festungen ausgebaut oder man gestaltete sie unter Verzicht auf den Wehrcharakter zu Schlössern um, in denen es sich angenehmer und repräsentativer leben ließ. Hier mal einige Beispiele:

Oder sah sie aus wie die kleinste sächsische Burg, der Rabenstein bei Chemnitz? Eine weitere Vorstellung von so einer Anlage vermittelt das Modell des Architekturbüros Stefan Lueginger aus Linz a.d. Donau vom ehemaligen Wasserschloss unseres OT Linz: Als Vorläufer des Schlosses soll ja auch in Linz etwa zur gleichen Zeit eine Wasserburg (Burgward?) existiert haben. Um diese Burgwarde herum siedelten Bauern, Handwerker, Dienstleute. Die Slawen benutzten ja eher wallartige Fluchtburgen mit Palisaden, in die sie sich mit Mann und Maus zurückziehen konnten und deren Reste überall noch zu finden sind. Die größte in unserer Gegend war die Daleminzier-Burg Gana bei Stauchitz, klick aufs Bild (ist nur ein Beispielbild zum SZ-Artikel "Auf der Suche nach Gana"). www.sz-online.de
Eine sehr wichtige Rolle spielte die Christianisierung. Die katholische Kirche war ein Machtfaktor. Die Ostexpansion hatte oft den Charakter von Kreuzzügen, wie z.B. der Wendenkreuzzug im 12. Jhd. Video Kloster AltzellaEs wurden Bistümer gegründet und überall entstanden auch Klöster der verschiedenen Orden. Das Kloster Altzella, das in der bewußten Urkunde ja eine Schlüsselrolle spielt, war damals das bedeutendste in Mitteldeutschland. Wer waren eigentlich die Mächtigen, mit denen es Tammo zu tun hatte? Die saßen damals in Meißen auf dem Burgberg: Meissen 1558 Es waren drei Gewalten: Markgraf Dietrich der Bedrängte, www.kleio.org ein Wettiner, der die Markgrafenburg bewohnte (in der Ansicht von 1558 rechts sieht man an der Stelle schon die um 1500 erbaute Albrechtsburg). Zu ihr gehörte möglicherweise der rote Turm, den man rechts oben im Meißner Stadtwappen sieht. Dieser stand jedoch nach dem Modell im Meißner Stadtmuseum für sich in der Mitte des Berges auf dem Gelände des Burggrafen. Es war Bischof Bruno II. von Porstendorf, www.stadtwikidd.de der in der Bischofsburg (in der Mitte links vorn mit dem Dom dahinter) residierte und es war Burggraf Meinher II. aus dem Geschlecht der Meinheringer, der in der Burggrafenburg (links im Bild nahe des Burgtors) Hof hielt.www.stadtwikidd.de Ihr Wahrzeichen war der Weiße Turm (ein typischer Bergfried), unten im heutigen Burgkeller findet man noch Reste. Der Burggraf (quasi der Burgvogt der Reichsburg => lies hier mehr zur Geschichte bei Wikipedia) war direkt dem König bzw. Kaiser unterstellt, vertrat die Reichsgewalt (Gerichtsbarkeit), leitete die Verteidigung der Burg, war Herr über einige Dörfer und z.B. auch über den Burggräflichen Jahrmarkt auf dem heutigen Theaterplatz in Meißen. Alle drei Gewalten konkurrierten auch immer miteinander. Im 15. Jhd. verdrängte der Markgraf den Burggrafen, dessen Burg verfiel, wurde noch eine zeitlang als markgräfliche Schösserei (Amtshaus) genutzt. Und auch gegen den Bischof setzte sich der Markgraf (Heinrich der Fromme) im Zuge der Reformation durch. Am 25. Mai 1539 fand in Leipzig, unter Anwesenheit Martin Luthers, die Einführungsfeier der Reformation statt. Das Bistum nahm 1559 die Reformation an. Die zugehörigen Klöster und Stifte wurden säkularisiert. 1581 wurde der Meißner Dom eine lutherische Kirche. Der 44. und letzte Bischof zur Zeit der Reformation war Johann IX. von Haugwitz, welcher 1581 sein Amt niederlegte und 1595 als Lutheraner starb. U. a. wegen der Zwistigkeiten mit den Markgrafen hatten die Meißner Bischöfe aber schon Anfang des 15. Jhd. ihren Sitz nach Burg Stolpen verlegt.
www.larpwiki.deTammo gehörte nun sicherlich zur Meißnischen Ritterschaft entweder durch feierliche Schwertleite oder kurzerhand per Ritterschlag auf dem Kampfplatz. Wie kam er zu seinem Besitz? In dieser Zeit war das Lehnswesen üblich. Lehen bedeutet "Leihen". Der oberste Lehnsherr war der König, der belehnte seine Vasallen, die wiederum ihre Untervasallen. Bis zur Reformation gebrauchten auch die geistlichen Herren das Lehnssystem und konkurrierten machtmäßig mit den weltlichen Fürsten. War der Markgraf Tammo's Lehnsherr? Das Lehen war vererbbar, aber Eigentümer blieb der Lehnsherr. Allerdings konnte ein Lehen auch in Eigentum des Belehnten übergehen. Dann wurde es zum Allod oder Allodium. Ein Ritter durfte selbst keine Lehen vergeben, aber vergab sein Land zur Bearbeitung an abhängige Bauern gegen Dienste und Abgaben. Die Geschichtsseite des Schönfelder Traumschlosses berichtet: "Für das nördliche Gebiet zwischen Elbe und Pulsnitz besaß der Bischof von Naumburg bis 1446 die Oberlehnsherrschaft. Video NaumburgDas geht auch aus einer Urkunde von 1238 hervor, als der Naumburger Bischof den Markgrafen von Meißen, Heinrich den Erlauchten mit den Burgen, Städten, Gütern und Rechten belehnt, mit denen schon die Vorfahren vom Naumburger Stifte belehnt worden waren, darunter Strehla, Ortrand und "stat obir Elbe genant der Hayn". Dazu gehörten auch die Burgen und Adelsherrschaften in Schönfeld und Umgebung. Wobei das Geschlecht von Schönfeld sich eine gewisse Selbständigkeit gegenüber dem Landesherren sicherte." Wir erfahren auch, daß in einer Urkunde von 1220 die nach Lampertswalde eingepfarrten bzw. die der Lampertswalder Kirche zinsgebenden Dörfer genannt werden: "Schonenburne (Schönborn), Lince, Rasewitz (Raschütz - Im Raschützwald zeugen noch einige geringe Mauerreste von dem im 14.Jh. wüstgewordenen Dorf), Molenbach (Mühlbach), Ozstrosen (Ostrozen, südöstlich von Quersa, wurde Wüstung), Queresen (Quersa) und Burcquiz (Brockwitz). Diese Urkunde ist zugleich die Ersterwähnung von Schönborn, Linz, Mühlbach, Quersa und Brockwitz.Glockenläuten Martinskirche Cottbus-Madlow Die Seite des Kirchenbezirk Meißen-Großenhain berichtet, dass in Lampertswalde eine Kirche 1206 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Ein recht aufbrausender Priester namens Hildebrandus machte damals von sich reden. Obwohl er als Geistlicher für Lampertswalde verantwortlich war, wird von ihm berichtet, dass er sich auch "die Kirche von Kmehlen unbesonnen unterwerfen wollte und sich nicht gescheut hat, mit bewaffneter Hand in ebendieselbe einzudringen". Sogar der Papst musste sich in diesen Streit einschalten.Video Turnier
Vielleicht hatte sich Tammo im Turnier hervorgetan? =>
Und dabei das Herz eines Burgfräuleins erobert:
Video Hochzeit Video HochzeitstanzMittelalterlicher Tanz Und sie tanzten die ganze Nacht, und die Grille zirpte das Hochzeitslied. Spielleute musizierten den ganzen Tag und noch eine Nacht. Und alle konnten essen und trinken nach Herzenslust und was das Herz begehrt, diese beiden Links zeigen uns, was so gegessen und getrunken wurde. Ja, vielleicht warf Tammo's Lehen sogar so viel ab, daß er sich Minnesänger leisten konnte, denn es war die Hohe Zeit des Minnesangs Video PalästinaliedHier Walther von der Vogelweide (1170 - 1230) mit dem Palästinalied =>
In dieser Zeit sollen sich die Minnesänger ja auch zu ihrem sagenhaften Sängerkrieg auf der Wartburg getroffen haben. Hier eine hübsche Verfilmung.
Übrigens: ein Ritter konnte durch geglückten Vortrag eines Minneliedes (Minne="liebevolles Gedenken", Verehrung einer meist hochgestellten Dame) ähnlich punkten wie mit einem Turniersieg! Video FalkenliedVielleicht mit dem berühmten Falkenlied =>
Wenden wir uns nun der Mode zu. Jeder versuchte, seinen Stand und seine Bedeutung auch äußerlich darzustellen. "Kleider machen Leute!" Da gab es sowohl strenge Vorschriften seitens der Kirche als auch Modetorheiten. Z.B. hatten verheiratete Frauen in der Öffentlichkeit ihre Haare unter einem Schleier zu verbergen und bei den Adligen wurde der Schnabelschuh hochmodern, den man sich im Orient abgeguckt hatte und wenn linker und rechter verschiedenfarbig waren, galt es als besonders schick. Ein Hofchronist lästerte, daß in die hoch aufragenden Schnäbel sogar der Blitz eingeschlagen hätte! Darüber und über die üblichen Ritterrüstungen berichtet Die Alltagsgeschichte des Mittelalters Kleidung im MittelalterUnd so kleidete sich die bürgerliche Dame =>
Auch Tammo liebte es sicherlich, sich vom fahrenden Volk der Gaukler unterhalten zu lassen. Hier erzählt uns ein Seiltänzer von seinen Erlebnissen: Von Bauern und Edelmännern Hier erfahren wir auch von der Bedeutung des Bauernstandes: "Bauernarbeit trägt die Welt", von einer Agrarrevolution um 1000 herum (Einführung Dreifelderwirtschaft, Eisenpflug mit Pferd und Kummet), der daraus folgenden Bevölkerungsexplosion und von dem ominösen Recht der ersten Nacht, dem Wikipedia: Ius primae noctis, von dem sich angeblich das Brautpaar durch Entrichtung des "Stechgroschens oder Schenkelgeldes" freikaufen konnte. Hier noch etwas mehr zu den Ehen der Unfreien Gab es dieses Recht überhaupt? Immerhin wurde es vielfach thematisiert, z.B. in Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro, Video Gang zum Herrnwo es Graf Almaviva gern aber vergebens nutzen möchte. Vasall Tammo seinerseits hatte vom Lehnherrn nichts zu befürchten, der Lehnseid verpflichtete zu gegenseitiger Treue und Achtung. Wie er es nun mit seinen Untertanen hielt, liegt im Dunkel der Geschichte.
Video bäuerliches LebenHier mal eine Doku über bäuerliches Leben im Mittelalter: "Je größer der Misthaufen, desto angesehener der Bauer!"
Tammo und seine Leute konnten nicht alles selbst erzeugen und wollten andererseits ihre überschüssigen Produkte vermarkten. Da traf es sich gut, daß "Sconevelt" an der wichtigsten Handelsstraße von Mitteldeutschland nach Osten lag: der Via Regia Lusatiae Superioris Als Reichsstraße stand sie unter besonderem Friedensschutz. Händler, Pilger, Reisende, fahrendes Volk, aber auch Ritterhaufen waren hier unterwegs. Waren aller Art, besonders das Salz, wurden befördert. An bestimmten Stellen, z.B. wo die Hohe Straße die nordsüdliche Handelsstraße kreuzte, entstanden Städte wie Großenhain. Sie erhielten das Stapel- oder Marktrecht, d.h. die durchkommenden Kaufleute mußten ihre Waren eine vorgeschriebene Zeit feilbieten. Als Mitglied im VIA REGIA Begegnungsraum Landesverband Sachsen e.V. Video Pilgerwegtragen wir dazu bei, daß diese Straße lebendig bleibt. Und sicher ganz in Tammo´s Sinn bieten wir auch heute den Pilgern Obdach und Gastfreundschaft. Denn die Seele geht lieber zu Fuß. Wo war wohl der nächstgelegene Markt? Es könnte Ortrand gewesen sein. Wikipedia OrtrandEnde 12. Jhd. soll die Stadt gegründet worden sein. Zwei Handelswege kreuzten sich vor einer Furt durch die Pulsnitz. Diese war Grenzfluss zwischen den Gauen Daleminzi (~ Meißner Land), Lusitzi (~ Niederlausitz) und Milzeni (~ Oberlausitz). Wie lebte man denn so in den mittelalterlichen Städten? Video mitelalterliches Stadtleben Das hat sich wohl über Jahrhunderte hin wenig verändert. Als Marktorte waren sicher auch Großenhain, Radeburg und Königsbrück interessant, die alle in dieser Zeit entstanden. Wikipedia KönigsbrückInteressanterweise wollten Tammo´s Nachfolger 1350 Königsbrück an den Meißner Markgrafen verkaufen. Wegen der strategischen Bedeutung als Grenzort der Oberlausitz belagerten die Kriegsknechte des Oberlausitzer Sechsstädtebundes Schönfeld und brachten Königsbrück unter die böhmische Krone zurück. Wie mögen die Schönfelder Herren wohl zu diesem Besitz gelangt sein? Wikipedia KR BöhmenEs macht deutlich, daß ein weiterer Mächtiger in diesem Fall Gegenspieler der Schönfelder Herren war: Karl IV., römisch-deutscher und böhmischer König ab 1346, sowie um 1216 Ottokar I. Premysl, König von Böhmen. Dieser war übrigens in erster Ehe mit Adelheid von Meißen verheiratet! Er verstieß sie jedoch 1198. Die vertriebene Königin eröffnete mit Hilfe der Reichsgroßen einen Rechtsstreit. 1205 kam Adelheid als Königin nach Prag zurück und ihre Nachfolgerin, die ungarische Königstochter Konstanze, wurde vertrieben. Diese jedoch gebar noch im selben Jahr einen Thronfolger, der Rechtsstreit entwickelte sich ungünstig, so daß Adelheid schon 1206 wieder gehen mußte. Sie war auch ca. 20 Jahre älter als ihre Rivalin. 1211 segnete sie im Benediktinerinnenkloster Heilig Kreuz zu Meißen das Zeitliche (es lag damals noch unterhalb des Burgberges auf dem Areal einer alten Wasserburg, etwa da, wo heute das Logenhaus steht, und wurde 1217 an den heutigen Standort "Klosterhäuser" verlegt). Der böhmische König war lange Zeit mächtigster Fürst im Reich und beteiligte sich an der Wahl des römisch-deutschen Königs. Hier auch nochmal die Karte des Stauferreiches, die auch das damalige Böhmische Königreich zeigt. Also befand sich die Schönfelder Herrschaft im Grenzgebiet durchaus im Spannungsfeld der Hohen Politik!
Jedenfalls herrschte an den Markttagen überall reges Treiben. Video MitelaltermarktUnd Tammo und seine Mannen hatten eine bei den Rittern beliebte Einnahmequelle, indem sie den Reisenden Geleitschutz gegen Zahlung des Geleitgeldes boten. Die Grenzen zwischen den Gebieten der einzelnen Geleitsherren wurden durch Geleitkreuze bzw. -steine markiert. Der Marktplatz im Mittelalter war mehr als nur ein Ort wirtschaftlichen Handelns und Strebens. Hier zeigten sich die verschiedenen Gesichter des Mittelalters:Video 10 Fehler auf dem Mittelaltermarkt ausgelassenes Treiben und tief gelebte Frömmigkeit, Narrenspektakel und Geißlerumzüge, Bürger in feinen Gewändern neben Bettlern und „unehrlichen“ Leuten wie Henker, Schinder und Totengräber. Und es gab/gibt Dinge, die man auf so einem Markt nicht tun sollte ...!
Kreuzzüge
Nun zu den Kreuzzügen. Waren Tammo und seine Mannen auch mit dabei? Es könnte gut so gewesen sein. planet-wissen.de: Kreuzzüge1096 begann der erste, 1396 endete der letzte. Ursprünglich hatte man die Befreiung Jerusalems und des Heiligen Grabes zum Ziel und sprach von "bewaffneter Wallfahrt", später ging es auch gegen Wenden, Ketzer, die Ostkirche, politische Gegner des Papstes. Video: Christliche Religiosität im 12. Jhd., Hildegard von BingenWas waren die Beweggründe der Teilnehmer? Viele waren tief religiös und versprachen sich Sündenerlaß, jeder sollte ja mindestens einmal im Leben auf Wallfahrt gehen. Es lockte die Aussicht auf Ruhm, Beute, Abenteuer besonders für die überzähligen und nicht erbberechtigten Söhne, die nicht im Kloster oder im Klerus untergebracht werden konnten. Einfache Leute konnten vor dem harten und ungerechten Leben zuhause flüchten, der Papst hatte ihnen das Ende der Leibeigenschaft versprochen. Wikipedia: KreuzzügeMan konnte sich auch der Strafverfolgung entziehen, wenn man mitzog. Und es ging nicht zuletzt darum, das Vordringen des Islam durch Araber und Seldschuken (Türken) abzuwehren. Schließlich grenzte das islamisch-arabische Machtgebiet an den Pyrenäen an Frankreich, zudem waren fast alle Mittelmeerinseln und Teile Süditaliens zeitweise von Arabern erobert worden. Erst 1492 endete die Reconquista (Rückeroberung) mit der Kapitulation des Emirs von Granada.
Nun, und für einen Vasallen ist auch immer der Wille des Lehnsherrn maßgebend. Wenn der einen Draasch von wegen Kreuzzug hat und sein Gefolgsmann tut gar nicht dergleichen, drohte diesem auch immer die Exkommunizierung seitens der Kirche, die sogar Kaisern widerfuhr! Die war sowas wie die Beugehaft des Mittelalters. Kreuzzüge und Deutschritterorden
Welche Unternehmen kamen in Frage? 1187 hatte Sultan Saladin Jerusalem erobert. Aber zwischen 1209-1229 zog man erstmal gegen die als Ketzer betrachteten Albigenser in Südfrankreich. 1217 begann der Kreuzzug von Damiette zur Rückeroberung Jerusalems. Daran nahmen nur wenige deutsch-fränkische Ritter teil, da sich einerseits König Friedrich II. da heraus gehalten hatte (der mußte erstmal innenpolitisch seine Herrschaft stabilisieren), und andererseits noch der Kreuzzug gegen die Albigenser im Gange war. Der Damiette-Kreuzzug endete 1221 mit einer schweren Niederlage im Nildelta. Der Papst erhob schwere Vorwürfe gegen den Anführer Kardinal Pelagius, weil dieser das Verhandlungsangebot des Sultans al-Kamil zur Rückgabe Jerusalems nicht angenommen hatte. Der später heiliggesprochene Franz von Assisi hatte sich sogar bei Damiette ins Lager des muslimischen Heeres begeben, um vor Sultan al-Kamil zu predigen. Der Sultan hörte sich die Worte des Mönches geduldig an, um seine Gesprächsbereitschaft zu demonstrieren, ließ sich aber nicht bekehren und blieb lieber weiter Muslim. Erst 1228 - 1229 gelang unter Kaiser Friedrich II. die Rückeroberung Jerusalems. Rückeroberung kann man eigentlich nicht sagen, denn es war der einzige friedliche und gleichzeitig erfolgreiche Kreuzzug.Friedrich II und der Kreuzzug Mit dem Friedensvertrag von Jaffa mit dem Sultan al-Kamil von Ägypten setzte sich Friedrich die Krone von Jerusalem auf. Das war allerdings keine echte Krönung, denn er war 1227 wegen der Verzögerung des Kreuzzugbeginns vom Papst exkommuniziert worden, also "gebannt". Friedrich war in Palermo als Enkel seines normannischen Großvaters Roger II. in einer arabisch geprägten Umgebung multikulturell aufgewachsen. Im Heiligen Land trat der gebildete und auch sprachlich versierte Kaiser mit orientalischem Pomp und seiner muslimischen Leibgarde auf und hob sich damit völlig von allen zuvor erschienenen Kreuzfahrern ab. Der Ausgleich hielt nur so lange, wie Sultan al-Kamil am Leben war und Friedrichs Einfluss auf das Königreich Jerusalem andauerte. Die Nachfolger sorgten dafür, dass der alte Gegensatz wieder aufflammte. Schon 1244 wurde die Stadt von den Ayyubiden zurückerobert. 1231 hob der Papst den Bann gegen Friedrich auf, aber von 1239 bis zu seinem Tode 1250 war er wieder gebannt.
Video: Mongolische Invasion EuropasAb 1240 kam es zu einer intensiven Endzeiterwartung im Reich angesichts der von Osten heranziehenden gewaltigen Mongolenheere unter Batu Khan. Video: Ilja Muromez Auch die Recken der Kiewer Rus unter Führung von Ilja Muromez konnten sie und ihren Feuerdrachen Gorynitsch nur kurze Zeit aufhalten! Deutsche Ritter beteiligten sich an den beiden großen Schlachten bei Liegnitz (zwischen Görlitz und Breslau) und Mohi (Ungarn) 1241, die verloren gingen. Nur der Tod des Großkhan Ögedei und die Nachfolgewirren bewirkten, daß die Mongolen abzogen, unsere Gegend verschont blieb und nicht dem Reich der Goldenen Horde einverleibt wurde. Sonst wäre unsere Geschichte womöglich ganz anders weiter verlaufen! Immerhin leben Nachfahren muslimischer Tataren nicht nur auf der Krim, sondern auch in Polen und Finnland!
Es gab also genug Gelegenheiten zur Betätigung für kampfeslustige Ritter. Alexander Nevsky - Schlacht auf dem Eis Z.B. auch im Baltikum im Schwertbrüderorden (später Livländischer Orden), der 1242 in der Schlacht auf dem Peipussee gegen die Nowgoroder Russen unter Alexander Newski unterlag. Ein berühmter Sergej-Eisenstein-Film mit der grandiosen Musik von Sergej Prokofjew erinnert daran. Da kann man sich schon mal von der Urgewalt so eines Panzerreiter-Angriffs optisch-akustisch faszinieren lassen! Auch wenns eigentlich schrecklich ist. Und es dagegen wirksame taktische Gegenmittel gab, wie die Nowgoroder und auch die Mongolen bewiesen.
Reisekönigtum
Wenden wir uns jetzt dem deutschen Königtum zu. König und Kaiser waren doch weit weg, oder? Seit der fränkischen Zeit bis in das Spätmittelalter hinein war das Reisekönigtum die übliche Form der Herrschaftsausübung durch König oder Kaiser (als Reisekönig oder Reisekaiser). Die deutschen Könige des Mittelalters regierten nicht von einer Hauptstadt sondern von wechselnden Orten aus. Sie reisten mit Familie und Hofstaat durch das Reich von einer Pfalz zur anderen. Königspfalz TilledaDas Reisekönigtum diente einerseits dem besseren Überblick über das Reich, gleichzeitig ermöglichte es aber auch die Kontrolle über lokale Fürsten und diente somit dem Zusammenhalt des Reiches. Damals wurde Herrschaft über persönliche Beziehungen ausgeübt, wozu es auch erforderlich war, persönlich den Kontakt mit den Beherrschten zu suchen. Andererseits war es auch nur durch die Reisetätigkeit möglich, die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Hofes zu stillen, da es damals aufgrund der unzureichenden Verkehrswege noch nicht möglich war, eine größere Gruppe von Menschen dauerhaft am selben Ort zu versorgen. Anstatt die Lebensmittel zum Hof zu schicken, wanderte der Hof zu den Lebensmitteln. Es gab hunderte Königspfalzen, darunter z.B. Belgern, Dahlen, Meißen, Leisnig, Rochlitz, Wurzen. Pfalzen entstanden zumeist im Abstand von 30 Kilometern, was einer damaligen Tagesreise zu Pferde entsprach. Zwischenstop in Schönfeld?Es ist zwar nicht überliefert (wie so vieles aus dieser Zeit), aber der König mit Familie und Hofstaat kann doch auch mal bei uns durchgekommen sein? Wir wissen aus der "Doku" "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel", daß sie gerne mal in Gutshöfen unterwegs rasteten für eine Erfrischung, was für die örtlichen Aschenputtel eine Gelegenheit zum Verlieben war ... . Aber östlich von Meißen fehlen die Pfalzen. Man könnte sich aber auch auf der Jagd z.B. in den Wäldern um das heutige Moritzburg herum begegnet sein? Zumal die Schönfelder Herren vor 1326 Lehnsherren des Friedewaldes waren! Dazu im Folgenden mehr nach einem kleinen Exkurs zu Jagd und Waffen. Video: Die Waffen der RitterWild gab es genug und den Edlen der Gegend war es sicher eine Ehre, dem König ihre Aufwartung machen zu dürfen, wenn er z.B. in Meißen war. Überhaupt Jagd in Tammo´s Zeit! Einzige Fernwaffen waren der Langbogen und die Armbrust. Die Pfeile und Bolzen konnten sogar Rüstungen durchschlagen und man mußte davor auch die Pferde schützen. Das galt als unritterliche Kampfweise und im Jahr 1139 wurde der Einsatz von Bogen und Armbrust bei kriegerischen Auseinandersetzungen unter Christen durch das Zweite Laterankonzil geächtet. Der Einsatz gegen Heiden, insbesondere gegen arabisch-islamische Gegner, blieb jedoch erlaubt. Diese moralische Ächtung war jedoch in der Kriegspraxis nicht durchsetzbar. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet ein bekannter Förderer der Armbrust, Richard Löwenherz, kam 1199 durch einen Armbrustbolzen zu Tode. Zurück zur Jagd: "Bannwald" stand damals für ein Waldgebiet, in dem das Recht der Nutzung (Forstbann), insbesondere die Hohe Jagd, dem Landesherrn vorbehalten war. In den Wäldern konnte man noch auf Bären und Wisente treffen. Wölfe auch, aber die sind ja längst wieder da. Apropos Bannwald:
Etwas zur Geschichte des Friedewaldes (war zeitweise Lehen derer von Schönfeld!)
(Quelle: naturruhe-friedewald.de und andere im Text erwähnte)
Heute zwischen Radeburg, Radebeul und Weinböhla um Auer und Moritzburg herum gelegen war er damals ein urwaldähnliches Gebiet von Seußlitz an der Elbe bis hinters Elbsandsteingebirge. Als die Mark Meissen 929 zur Stabilisierung des christianisierten Reiches gegen slawische Völker gegründet wurde, war der Friedewald ein unbewohnter Grenzwald, ein sogenannter Bannwald. Zu Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen besonders zwischen deutschen, polnischen und böhmischen Herrschern diente er als Rückzugsgebiet und Fluchtort von Truppen, da hier keine kriegerischen Handlungen ausgeübt werden durften. Video: Friedewald Coswig Spitzgrund Diese Zeit des Bannwaldes währte bis zum Frieden von Bautzen im Jahre 1031 zwischen Polen und der Mark Meissen. Daher entstand auch mit großer Wahrscheinlichkeit der Name Friedewald in dieser Zeit. Als Markgraf Konrad der Große Mitte des 12. Jhd. seine Besitzungen unter seinen 5 Söhnen aufteilte, erhielt Otto der Reiche als Nachfolger 1156 die Markgrafschaft Meissen und damit auch den Friedewald. Die erstmalige urkundliche Erwähnung des „Friedewaldes“ stammt aus dem Jahre 1326, als das vergebene Lehen des Gebietes von den Lehnsherren von Schönfeld wieder an die Wettiner zurück gegeben wurde. Aus dem Jahre 1337 ist urkundlich bekannt, dass die Lehnshoheit des Waldgebietes bei dem Stift Meissen lag, also in kirchlicher Hand war. Desweiteren lesen wir im Neuen allgemeinen deutschen Adels-Lexicon, Band 1 Seite 304: "Nach einer anderen Urkunde überliess die Familie (von Schönfeld) 1326 den Friedewald den Markgrafen von Meissen und erhielt für diese Abtretung Radeburg mit dem Dorfe Sacka als Lehen.". Das ist ja interessant! Tammo´s und seiner Erben Lehnsgebiet könnte sich also vor 1326 bis zur Elbe bei Seußlitz erstreckt haben. Geschichte des Friedewaldes Und damit wird verständlicher, daß Tammo de Sconevelt nach der o.g Urkunde 1216 als Zeuge anwesend war, als der Eigentumswechsel des Dorfes Zadel und umliegender Güter an das Kloster Altzella beurkundet wurde. Tammo war gewissermaßen ein Anlieger als mit dem Friedewald Belehnter. Und daß die Herren von Schönfeld 1326 in den Besitz von Radeburg kamen, welches schon 1288/89 erstmals als Stadt (oppidum) bezeichnet wurde, unterstreicht deren Bedeutung (siehe Chronik von Radeburg). Allerdings wird im Neuen preussischen Adels-Lexicon, Seite 403 erwähnt, daß sie den Friedewald und den Rittersitz Wachau (Gegend zwischen Ottendorf-Ockrilla und Radeberg) erst seit 1260 besaßen. Da wurde es wohl irgendwo beurkundet oder erwähnt, was nicht ausschließt, daß unser Tammo es schon vorher in Besitz hatte.
Kaiser Friedrich II. und Gegenkönig Otto IV.
Video: Adler gegen Fuchs im Altai Im Hochmittelalter erlebte die Beizjagd eine neue Blütezeit und entwickelte sich zu einem Privileg und Statussymbol des Adels. Kaiser Friedrich II., der in Sizilien leichten Zugang zum arabischen Fachwissen auf diesem Gebiet besaß, führte zum Beispiel die Falkenhaube ein, die bis dahin in Europa noch unbekannt war. Sein Falkenbuch war das erste Traktat dieser Art in der europäischen Literatur. Für Friedrich II. war die Falknerei aufgrund der dafür benötigten Kombination aus Willensstärke und Fürsorge eine ideale Vorübung für die Menschenführung. Der ideale Falkner war für ihn der ideale Herrscher. Video: Friedrich II. - Der Kaiser aus der FerneUnd er wurde am 9. Dezember 1212 im Mainzer Dom zum römisch-deutschen König gewählt. 17 Tage später feierte er seinen 18. Geburtstag. Am 22. November 1220 wurden Friedrich und seine Gemahlin Konstanze von Papst Honorius III. in der Peterskirche zu Kaiser und Kaiserin gekrönt. Er regierte bis zu seinem Tod 1250. Als Kreuzfahrer und König von Jerusalem haben wir ihn schon kennengelernt. Meistens hielt er sich in Italien auf, anfänglich aber auch häufig nördlich der Alpen. Ihm könnten die Schönfelder Herren damals begegnet sein. Aber Friedrich mußte kämpfen. Denn es gab im Nordreich noch einen Gegenkönig: den Welfen Otto IV. Otto dominierte als König nördlich der Alpen von 1208 - 1214, kann also auch gut Tammo begegnet sein. Erst nachdem Friedrich insbesondere mit zahlreichen Zugeständnissen die meisten Großen für sich gewonnen hatte, ließ er sich am 25. Juli 1215 in Aachen, am traditionellen Krönungsort der römisch-deutschen Herrscher, vom Mainzer Erzbischof erneut krönen. Dort setzte er sich auf den Thron Karls des Großen. Zwei Tage nach seiner Krönung beteiligte sich Friedrich bei der Umbettung der Gebeine Karls des Großen eigenhändig an der Schließung des Karlsschreines. Durch diese rituelle Handlung knüpfte er an die Karlstradition an und präsentierte sich als Nachfolger des legendären fränkischen Kaisers. Einerseits einigte er das Reich von der Nordsee bis Sizilien, andererseits stärkte er durch Zugeständnisse die Macht und Selbständigkeit der Fürsten nördlich der Alpen. Das waren vor allem das Confoederatio cum principibus ecclesiasticis 1220 für die deutschen Bischöfe und das Statutum in favorem principum 1231 für die weltlichen Fürsten. Das bildete eine historische Grundlage für unseren heutigen Föderalismus. Mit dem Tod des letzten staufischen Kaisers 1250 lässt die Geschichtswissenschaft das Spätmittelalter beginnen. Die päpstliche Propaganda verteufelte Friedrich als Kirchenverfolger und Ketzer, Atheisten, Antichrist oder als Bestie der Johannes-Apokalypse. Bei seinen Anhängern galt Friedrich hingegen als das „Staunen der Welt“ (stupor mundi) oder „größter unter den Fürsten der Erde“. Friedrich hatte mit mindestens 13 Frauen wenigstens 20 Kinder. Viermal war er verheiratet. Die beträchtlichste Mitgift brachte ihm 1235 Isabella von Plantagenet (dritte Ehefrau) mit sieben Tonnen Silber mit, zu guter Letzt führte er 1245 seine langjährige Geliebte Bianca Lancia zum Altar, nachdem er zuvor vergeblich um die Hand von Jutta von Sachsen geworben hatte.
Der unglückliche "Klammerkönig" Heinrich (VII.)
Bruchenball und Badezuber Und ein dritter König (war er denn wirklich einer?) bestimmte die Geschicke der Deutschen damals. Es war Heinrich (VII.), der erste Sohn Friedrichs II. und seiner ersten Gemahlin Konstanze von Aragón, 1211 in Sizilien geboren. Die römische Sieben in Klammern (man sagt auch „Heinrich der Klammersiebte“) erklärt sich dadurch, dass Heinrich sein Königtum nicht selbstständig ausübte (sein Vater stand als Kaiser über ihm) und deshalb in der Zählung der Herrscher des Heiligen Römischen Reiches nur eingeschränkt mitgezählt wird. 1216 rief ihn sein Vater nach Deutschland, betraute Heinrich mit der Verwaltung des Herzogtums Schwaben und belehnte ihn 1218 mit dem Rektorat Burgund. 1220 (mit 9 Jahren!) wählten ihn die deutschen Fürsten in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König, allerdings führte Erzbischof Engelbert I. von Köln die Reichsverweserschaft. 1228 übernahm Heinrich (VII.) um Weihnachten dieses Jahres selbst die Regierung. Es entwickelte sich ein tiefes Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn, das sich unter anderem darin ausdrückte, dass Friedrich in den Folgejahren mehrere Verordnungen Heinrichs aufhob und auf der anderen Seite Graf Egeno V. von Urach-Freiburg, ein erklärter Feind des Kaisers, zum wichtigsten Berater Heinrichs wurde. Die Konfrontation mit Vater und Papst gipfelte 1234 in einem Bann gegen Heinrich und 1235 in einer Schlacht gegen den Vater. Von den meisten Verbündeten im Stich gelassen, mußte er sich diesem unterwerfen. 1235 hielt dieser in Worms über Heinrich Gericht, entthronte ihn und setzte ihn gefangen. Heinrich VII. - Rebell in Samt und SeideErst kam er nach Heidelberg ins Schloßverlies, dann über verschiedene andere Gefängnisse nach Nicastro (Kalabrien). Als 1242 abermals das Gefängnis gewechselt werden sollte, stürzte er mit seinem Pferd in einen Abgrund. Kurz darauf starb Heinrich (VII.) in Martirano an den Folgen dieses Sturzes. Einige Chronisten berichten, dass es sich hierbei um einen Selbstmordversuch gehandelt habe, da Heinrich vergeblich auf Vergebung gehofft hatte. Sein Vater ließ ihn mit königlichen Ehren im Dom von Cosenza in einem prachtvollen Grabdenkmal beisetzen. Eine Untersuchung des Leichnams im Jahr 2000 hat ergeben, dass Heinrich an Lepra (Aussatz) erkrankt war. Durch diese unheilbare Krankheit mit hoher Ansteckungsgefahr und den drohenden Ausschluss aus der Gemeinschaft kann der Entschluss zum Selbstmord begründet sein. Es hätte den damaligen Vorstellungen eher entsprochen, wenn der Kaiser seinem Erstgeborenen nach kurzer Zeit verziehen und ihn in Gnaden wieder aufgenommen hätte; auch ist überliefert, wie tief bestürzt Friedrich II. über seinen Tod war. Heinrich scheint ein lebensfroher und kunstsinniger Herrscher gewesen zu sein und zog viele Minnesänger an seinen Hof. Möglicherweise dichtete er auch selbst.
Nachrichtenwesen
Auch für die Schönfelder Herren war es sicher wichtig, einigermaßen Bescheid darüber zu wissen, wer das Reich regiert. Und vor allem: wer von den Meißner Herren unterstützt wurde. Der Burggraf als Beamter des Königs hatte wohl keine Wahl, aber Markgraf und Bischof schon. Sie konnten auch auf verschiedenen Seiten stehen. Video: Duell zwischen Kreuz und KroneEinen Höhepunkt erreichte dieser Streit zwischen König, Papst und Fürsten schon im 11. Jhd, als König Heinrich IV. Krieg gegen die Sachsen führte, sich mit dem Papst anlegte, Die Sagen vom Bischoff Benno von Meißen den Gang nach Canossa antreten mußte und gegen Gegenkönige kämpfen mußte, die von den Fürsten und auch Bischof Benno von Meißen unterstützt wurden. Wie also konnte man auf dem Laufenden bleiben? Und auch wichtige Informationen selber weitergeben, z.B. wenn es Angriffe gab und Hilfe gebraucht wurde? Vor allem durch Boten zu Fuß, zu Pferde oder per Schiff. Erst im 15. Jhd. gab es billiges Papier und damit mehr Schriftverkehr. Das teure Pergament (Tierhaut) konnten sich vorher nur Kirche, Adel, Kaufleute leisten. Es wurden auch Reiterstafetten eingerichtet. Ein besonders effektives Kommunikationssystem gab es damals im o.a. Mongolischen Reich. Es konnte diese gewaltige Ausdehnung nur erreichen und sichern durch gute Logistik beim Nachrichten- , Personen- und Gütertransport. Video: mongolische PaizaDafür gab es das Örtöö-System: ein Netz von Poststationen mit Verwaltern und Pferdeherden. Nachrichten vom Hofe des Khans konnten in 7 bis 11 Tagen selbst in die entferntesten Winkel des riesigen mongolischen Reiches gelangen. Video: Mongolisches Pferderennen Wie bei den Feldzügen war auch hier das unglaublich zähe und ausdauernde mongolische Pferd enorm wichtig. Die Kuriere besaßen zur Erkennung spezielle Siegel, die so genannten Paizas, wovon sich unser Wort "Pass" ableitet. Die Meldereiter brachten die Befehle mündlich, häufig in Form eines Reimes. Und, Überraschung: Luftpost gabs auch schon: die Taubenpost! Schon in der Antike flogen Brieftauben.
Kleiner Exkurs zur Taubenpost (Quelle: Wikipedia)
Video: Heinz Willi Ritz - der Taubenflüsterer Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches waren die Brieftauben aus Europa wieder weitgehend verschwunden. Sie wurden durch die Kreuzritter erst im 12. und 13. Jahrhundert wieder nach Europa gebracht. Im Vorderen Orient war die Brieftaube zur Nachrichtenübertragung nach wie vor weit verbreitet, sie wurde auch während der Kreuzzüge oft verwendet. Bei dem Versuch, die Stadt Akkon einzunehmen, gelang es den Kreuzrittern im Jahr 1191, eine per Brieftaube übermittelte Nachricht abzufangen: In ihr sicherte Sultan Saladin den Einwohnern zu, in drei Tagen mit seiner Armee in der Stadt anzukommen, um sie im Kampf gegen die Kreuzritter zu unterstützen. Die Kreuzritter verfälschten allerdings die Nachricht und ließen die abgefangene Brieftaube wieder frei. Video: Die Taubenpost Die verfälschte Nachricht ließ die Einwohner von Akkon nun im Glauben, gänzlich ohne die Unterstützung Saladins kämpfen zu müssen. Noch vor Ablauf der drei Tage war die Stadt in der Hand der Kreuzritter, da die Bewohner von Akkon kaum mehr Gegenwehr leisteten.
Im Vorderen Orient entstanden staatliche Taubenpostdienste und regelmäßig beflogene Taubenpostlinien. Saladin hatte eine eigene Taubenpost, die unter anderem seine Hauptstädte Kairo und Damaskus miteinander verband. Dazu ließ er eine Kette von Festungen bauen, die Nachrichten mittels Heliograph, Leuchtfeuer und Tauben weiter leiteten. Im 12. Jahrhundert errichtete auch Nur ad-Din, Kalif von Bagdad, eine eigene Brieftaubenpost. Auch Dschingis Khan verwendete Brieftauben zur Überbringung von Nachrichten im Reich der Mongolen.
Video: Kampf mit WegelagerernHatte sich die Meißnische Ritterschaft Brieftauben aus dem Morgenland mitgebracht? Da bestand womöglich schon ein Brieftaubendienst zwischen Meißen und Schönfeld? Ansonsten blieben nur die Meldereiter als schnelle Verbindung, die gewappnet und mit Spieß und Schwert gegen Angriffe von Raubtieren und Schnapphähnen gerüstet einher sprengten.
Weltereignisse
Einiges haben wir schon über Europa und den Orient im Hochmittelalter erfahren. Wovon haben wir sonst noch Kunde? Tammo konnte nur vom Hörensagen etwas vom Land hinter dem Ozean wissen, das die Wikinger schon um 1000 herum erreicht hatten. Wir betrachten Geschichte meist aus unserer Sicht als Europäer. Als westlichste Besiedlung kannte man Grönland, dort existierte schon ein Bischofssitz seit ca. 1125. Amerika war jedoch längst von Sibirien und Ozeanien her besiedelt. Dort gab es um 1200 Hochkulturen, wie die Maya-, Sicán- und Pueblo-Kultur. Auch von afrikanischen und fernöstlichen Reichen war wenig bekannt. Einen Überblick über das 13. Jahrhundert gibts bei Wikipedia und auf einer Seite, die Meister Eckhart (1260 - 1328, Theologe und Philosoph) gewidmet ist. Und dort taucht 1245 der Franziskaner Johannes de Plano Carpini (1185 - 1252) auf, ein Vorläufer des Marco Polo (1254 - 1324). Weltreisende ihrer Art gab es immer wieder und wenn sie schriftlich was hinterlassen hatten, erweiterten sie das Weltbild ihrer Gesellschaft. Johannes ist auch deswegen interessant, weil er mehrere Klöster in Sachsen gegründet hat. 1232 - 1239 leitete er die Sächsische Franziskanerprovinz, in die Zeit fällt die Klostergründung Altenburg; Franziskanerkloster Meißen erst 1258. Johannes hatte den Ordensgründer Franziskus von Assisi (1181/1182 bis 1226) noch persönlich gekannt. Sächsische Franziskanerprovinz: sie umfaßte ein riesiges Gebiet zwischen Bremen, Thüringen, Schlesien, Preußen.
Einschub: Was war damals Sachsen, was ist es heute?
Wikipedia (Auszüge): Als Sachsen wird heute ein Gebiet an der oberen Mittelelbe, in der südlichen Lausitz und im Erzgebirge bezeichnet. Historisch ist es aber losgelöst vom Stammesherzogtum Sachsen, dem Siedlungsraum der Sachsen in Norddeutschland. Es wird zur historischen Abgrenzung auch als Obersachsen, im Gegensatz zu Niedersachsen oder Altsachsen, bezeichnet. Die Bewohner des Freistaates sind also nicht die Nachfahren jener Sachsen, dieWikipedia: Das Stammesherzogtum Sachsen um das Jahr 1000 in der Antike und Spätantike mit dem lateinischen Ausdruck Saxones (nach dem typischen Hiebmesser der Sachsen, dem Sax) bezeichnet wurden. Es handelt sich um eine dynastische Namenswanderung. Sie geschah dadurch, dass der Titel des Herzogs von Sachsen an Fürsten fiel, die außerhalb des alten Volksgebietes residierten, und der Name auf deren Länder übertragen wurde. Der Herzogstitel von Sachsen fiel nach dem Sturz Heinrichs des Löwen im Jahr 1180 an den Askanier Bernhard, der in Wittenberg residierte. Bereits zu diesem Zeitpunkt verlor im Deutschen Reich der Titel eines „Herzogs“ seine Bindung an ein Volksgebiet. Mit dem Aussterben der Askanier ging der sächsische Herzogstitel dann 1423 an die Wettiner über, die die Markgrafschaft Meißen innehatten. Da der Herzogstitel von Sachsen mit der Würde eines Kurfürsten verbunden war, war er der ranghöchste und trat an die erste Stelle der Titulatur. Die Länder unter der Herrschaft des wettinischen Hauses der Herzöge von Sachsen bezeichnete man nun als „Sachsen“. Auf diese Weise „wanderte“ mit der Verleihung der sächsischen Kurwürde an Friedrich den Streitbaren auch die Namensbezeichnung „Sachsen“ elbaufwärts.
Weiter zu Johannes de Plano Carpini
Bericht von der Mission am Ende der Welt 1245 wurde Johannes de Plano Carpini vom Papst Innozenz IV. mit einer Mission in der Ukraine beauftragt, welche damals von den Mongolen besetzt war. Neben der Mission sollte er auch als Leiter einer Gesandtschaft den mongolischen Großkhan aufsuchen. Der Papst wollte nach dem verheerenden Mongolensturm weitere Kriegszüge nach Europa verhindern und die Mongolen als Bündnispartner gegen den Islam und zur Sicherung der Kreuzfahrerstaaten gewinnen. Außerdem sollte Johannes Ausschau halten nach anderen christlichen Völkern und dem legendären Priesterkönig Johannes Diesen vermutete man in Indien, später in Äthiopien, bis heute blieb er ein Mythos. Video: Reisebericht - Sturm aus dem Osten Eigentlich wollten sie nur bis Batu reisen, der Hauptstadt der Goldenen Horde in Nähe der Wolgamündung am Kaspischen Meer. Aber immer weiter östlich ging es bis an die Ufer des Orchon südlich des Baikal, dem Stammesgebiet der Mongolen. Tatsächlich empfing sie der neue Großkhan Göjük. Ob Johannes den Papstbrief tatsächlich überreichte, ist ungewiß. Es könnte zu gefährlich gewesen sein. Der Khan erwartete eher eine Unterwerfung und schickte die Abordnung mit einem Schreiben wieder zurück, in dem er nunmehr den Papst mit einer hinzugefügten, versteckten Drohung dazu aufforderte, zusammen mit den anderen Königen unverzüglich zu ihm zu kommen, um sich persönlich ihm zu unterwerfen. Johannes aus dem Ort Plano Carpini in der Nähe Perugias war bereits 60 Jahre alt und wohlbeleibt. Doch seine kluge Anpassungsfähigkeit und der geschickte Umgang mit Fremden machten dies mehr als wett. Der Umbrier war bekannt als hervorragender Beobachter mit einem wachen Sinn und als guter, hochgebildeter Redner. Als Missionar hatte er viel Erfahrung im Umgang mit Fremden und Heiden gesammelt und seine Persönlichkeit war der Grund für die vielen Informationen, die er bekam. Und die blieben durch seine Werke nachhaltig in Erinnerung.
Landgräfin Elisabeth von Thüringen (1207 - 1231; Quelle: Wikipedia)
Video: Die Heilige Elisabeth von Thüringen Nun zu einer Frau, die den Damen und Herren der Schönfelder Herrschaft ganz sicher bekannt war. Elisabeth von Ungarn, spätere thüringische Landgräfin, Patronin von Thüringen und Hessen, verehrt von Katholiken und Protestanten gleichermaßen. Noch in der DDR veranstalteten die Kirchen zu ihrem 750. Todestag am 17. November 1981 ihre erste Massenversammlung, bei der Zehntausende auf dem Platz unterhalb des Erfurter Domes zusammenkamen. Warum sollte man in "Sconefelt", überhaupt der Mark Meißen, von ihr Kenntnis nehmen? Erstens schon mal aufgrund der Machtverhältnisse. Der Thüringer Landgraf beherrschte auch die Pfalzgrafschaft Sachsen (Region Saale-Unstrut) und regierte in der Zeit auch in die Mark Meißen hinein. 1197 hatte Dietrich der Bedrängte von Meißen Jutta von Thüringen geheiratet. Als der Markgraf 1221 starb, war ihr Sohn Heinrich der Erlauchte erst fünf Jahre alt. Die Mark Meißen wurde deswegen von der Wartburg aus vormundschaftlich regiert. Zuerst von Ludwig von Thüringen (dem Ehemann der Heiligen Elisabeth), nach dessen Tod 1227 von Herzog Albrecht I. von Sachsen (Askanier, Gebiet um das heutige Sachsen-Anhalt herum). Der letztere war übrigens 1217 bis 1230 (da wurde Heinrich der Erlauchte für mündig erklärt) Regent der Markgrafschaft Meißen und reiste in den Jahren 1228/29 zusammen mit Friedrich II. nach Jerusalem (da sind ihm doch sicher einige Meißnische Ritter gefolgt?). Überhaupt herrschten Wettiner bis zur Leipziger Teilung anno 1485 oftmals in Personalunion als Meißnischer Markgraf und Thüringer Landgraf.
Video: Ausstellung zur Heiligen Elisabeth von ThüringenZweitens war ihr kurzes Leben so ungewöhnlich und aufsehenerregend, daß sie auch heute Thema aller Boulevardmedien gewesen wäre. Sie wird als Sinnbild tätiger Nächstenliebe verehrt. Schon vier Jahre nach ihrem Tod sprach Papst Gregor IX. sie heilig (1235). So sehr, wie sie heute verehrt und verklärt wird, wurde sie aber auch zu Lebzeiten zwiespältig wahrgenommen. Innerhalb der adeligen Schicht, inklusive ihrer Familie, galt sie als gestörte Irre, bestenfalls als armes verwirrtes Mädchen, das haltlos nach dem Tode ihres Mannes in die Fänge eines gefürchteten fanatischen Geistlichen geraten war. Im Volk war zwar ihre Mildtätigkeit hoch angesehen, es kursierten aber auch üble Gerüchte über sie und ihren Geisteszustand. Der Klerus lobte ihre Religiosität und bestärkte sie in ihrem extremen Leben. Hier können wir nur einige uns überlieferte Fakten aus ihrem Leben anführen, damit das Bild klarer wird. Es ist jedenfalls sehr vielschichtig.
Bereits 1211, mit vier Jahren, wurde die mit reicher Mitgift ausgestattete Elisabeth nach Thüringen gebracht. Sie war dem Sohn des Landgrafen Hermann I. versprochen. Der thüringische Hof galt als kultiviert. 1206 soll der sagenhafte Sängerkrieg stattgefunden haben, mehrere berühmte Minnesänger lebten am Hof. 1217 starb der Landgraf und sein 17-jähriger Sohn Ludwig übernahm die Regentschaft. 1221 heirateten er und die 14-jährige Elisabeth. Es war eine glückliche Ehe, sie waren sich sehr zugetan. Ungewöhnlicherweise saß Elisabeth bei den Mahlzeiten neben ihrem Mann. Sie begleitete ihn auf Reisen; war das nicht möglich, trug sie Trauerkleidung. Ihre tätige Hilfe für Bedürftige und Kranke fand seine Unterstützung, nach dem Zeugnis der Dienerinnen hat er sie dazu ermutigt. Bis 1227 wurden ihnen ein Sohn und zwei Töchter geboren.
Ende 12. Jhd. breitete sich die Armutsbewegung aus, einerseits in Auslegung des Neuen Testaments, andererseits als Protest gegen reiche Orden und den großen Unterschied zwischen Reichtum und Elend. Bettelorden, wie Franziskaner und Dominikaner, und das Beginentum entstanden.
Kleiner Exkurs zu den Beginen/Beghinen, auch Seelfrauen oder Seelnonnen genannt
Video: Mechthild von MagdeburgVideo: Beginenhöfe in FlandernSeit Beginn des 13. Jhd. schlossen sich Frauen, aber auch Männer (Begarden), ungeachtet ihres Standes oder Vermögens zu geistlichen Gemeinschaften zusammen. Jede Gemeinschaft war selbständig und hatte eine Meisterin, die aus ihrer Mitte, meist für ein Jahr, gewählt wurde. Sie brachten ihren Besitz ein, gelobten Armut, Keuschheit, Gehorsam, lebten von Handarbeiten, pflegten Kranke, wuschen Leichen, kümmerten sich um Seelsorge, Erziehung, Betreuung usw. Sie legten ein Gelübde auf Zeit ab, konnten unter Zurücklassung des eingebrachten Besitzes wieder austreten. Es war auch eine Zuflucht für alleinstehende Frauen. Die Blütezeit der Bewegung lag zwischen 1250 und 1450, als bis zu 10% der Frauen in den Städten als Beginen lebten. Video: Einweihung Beginenhof KölnIhre Lebensweise wirkte bereits Jahrhunderte vor der Frauenbewegung überraschend selbstbestimmt und demokratisch. Vielerorts findet man noch die Beginenhöfe oder Ortsbezeichnungen, die an die Beginen erinnern. Auch heute wollen Frauen so zusammen leben und eröffnen neue Beginenhöfe. Hier kann man mehr lesen: Dr. Helga Unger: Beginen gestern und heute – Ein Lebensmodell
Der Buchstabenstein am SeelensteigÜbrigens: es hat sie auch in Meißen gegeben. Steigt man von der Frauenkirche aus die Superintendenturstufen hinauf, kommt man zum Seelensteig und steht vor dem Buchstabenstein an der hohen Futtermauer. Video: MARGUERITE PORETE - MISTICADort stand das Seelhaus der Meißner Seelnonnen (erstmals 1279 urkundlich erwähnt), nach dem auch der Seelensteig benannt wurde (1357 erstmals als Seelsteg erwähnt). Im Buch Die Grabmonumente im Dom zu Meißen, herausgegeben von Matthias Donath, ist noch etwas mehr hierzu zu lesen.
Video: A Woman for Our TimeWeiter zu Elisabeth: Schon als Landesfürstin gab sie nicht nur Almosen, sondern begann im Dienst um Kranke und Bedürftige schwere und von ihren Zeitgenossen als entwürdigend angesehene Tätigkeiten zu verrichten. Sie spann Wolle und webte mit ihren Dienerinnen daraus Tücher, die sie unter den Armen verteilte. Sie wusch und bekleidete Verstorbene und sorgte für ihre Beerdigung. Ab dem Jahre 1226 half sie außerdem in dem Spital, das sie am Fuß der Wartburg errichten ließ, persönlich bei der Pflege der Kranken und widmete sich gezielt denen, deren Krankheiten besonders entstellend waren. Die Quellen schildern ihre liebevolle Zuwendung besonders zu Kindern: sie herzte und liebkoste auch die aussätzigen, schmutzigen und verkrüppelten Kinder, kaufte ihnen als Spielzeug Glasringe und kleine Töpfe. Im Hungerwinter 1225/1226 ließ sie in allen Teilen des Landes die landgräflichen Kornkammern öffnen, um die darbende Bevölkerung zu versorgen. Diejenigen, welche noch arbeitsfähig waren, erhielten Arbeitsgeräte und feste Kleidung, um für sich selbst zu sorgen. Die am thüringischen Hof kritisierten Maßnahmen wurden durch ihren Ehemann ausdrücklich gutgeheißen, als er vom Kaiserhof wieder auf die Wartburg zurückkehrte. 1226 wurde der fanatische Kreuzzugsprediger und Inquisitior Konrad von Marburg ihr Beichtvater. Video: ÖlgemäldeAuch durch ihn wurden Elisabeth´s Armuts- und Gerechtigkeitsideale radikaler, so daß sie das wohl als Nonne hätte leben können, aber nur schwer als Landesfürstin. Ihr Beichtvater legte er ihr z.B. auf, im Rahmen ihrer Hofhaltung nur noch solche Güter zu nutzen, bei denen sie sicher sein konnte, dass sie nicht auf unrechtmäßig erpressten grundherrschaftlichen Einkünften basierten. Deswegen versuchte sie, nur von den Einkünften ihrer Wittumsgüter zu leben und aß kaum noch etwas von den Speisen, die ihre eigene Hofhaltung den Gästen anbot. Mitunter konnten sie und die Frauen ihres Gefolges ihren Hunger nur notdürftig stillen. Bereits als junges Mädchen verachtete sie den höfischen Prunk und trug vermutlich anfangs ein Büßergewand unter ihrer Hofkleidung und verschenkte dann zunehmend ihre kostbare Kleidung und ihren Schmuck. Daraus entstanden Legenden wie das „Mantelwunder“: Elisabeth habe als eines ihrer letzten Kleidungsstücke ihren Mantel an einen Bettler verschenkt. Ihre Dienerinnen hätten diesen jedoch in der Kleiderkammer wiedergefunden - wiedergebracht von Engeln, als sie an der landgräflichen Festtafel eine Gruppe von Edelleuten begrüßen musste.
1227 begleitete die schwangere Elisabeth ihren Mann zum Kreuzzug noch bis zur Grenze Thüringens und nahm erst dort von ihm Abschied. Unterwegs starb er kurz darauf in Otranto an einer Infektion. Sein Tod wurde lange vor ihr verheimlicht, aber Elisabeth ahnte es und forderte die Familie auf, es ihr zu sagen. Als sie von seinem Tod erfuhr, brach sie zusammen: „Nun soll mir die ganze Welt und aller Reichtum und alles Ansehen gestorben sein“. „Wenn nun mein Bruder gestorben ist, so ist auch für mich die Welt gestorben.“ Und gab alles, was sie hatte, den Armen. Nun hatte ihr Beichtvater völlig die Kontrolle über sie. Jedoch Heinrich Raspe, der jüngere Bruder Ludwigs, der Elisabeth für nicht zurechnungsfähig hielt, hatte gleich nach dem Tod seines Bruders in Vertretung des erst fünfjährigen Hermann die Regentschaft übernommen und ihr als eine seiner ersten Handlungen die Verfügungsgewalt über die Ländereien und Einkünfte entzogen, die ihr Ludwig als Witwengut zugesichert hatte. Ein Wohnrecht und das Recht, an der landgräflichen Tafel zu speisen, wurden ihr gleichwohl zugestanden. Ihr Beichtvater setzte eine Entschädigungssumme von 2.000 Silbermark durch und Heinrich Raspe und sein Bruder Konrad von Thüringen übertrugen an sie außerdem einige Ländereien bei Marburg zur lebenslangen Nutzung. Elisabeth verließ daraufhin gemeinsam mit ihren unmittelbaren Dienerinnen die Wartburg. Den Winter 1227/28 verlebte sie unter entwürdigenden Umständen mittellos in Eisenach. Auf die Zurückweisung ihres Ranges und einer standesgemäßen materiellen Versorgung reagierten die meisten ihrer Zeitgenossen mit Unverständnis, Missachtung, Hohn und Spott. Elisabeth und ihre Hofdamen wurden hin und hergeschoben. Unter den wohlhabenderen Bürgern Eisenachs wagte es keiner, sie in sein Haus aufzunehmen: Als erste Unterkunft diente ihr der Schuppen einer Gaststätte, der zuvor als Schweinestall genutzt worden war, dann suchten sie Zuflucht in einer Kirche. Aus dem Schloss wurden ihre drei kleinen Kinder nachgebracht. Dann kamen sie bei einem Priester unter, der sie aber bald dazu aufforderte, in einem anderen Haus unterzukommen, deren Besitzer Elisabeth aber nicht leiden konnten. Diese quartierten die Gesellschaft in einen winzigen Raum ein, obwohl viele Räume frei waren. Als die Hausbesitzer Elisabeth beleidigten, zog sie auch da wieder aus und kehrte mit den bitteren Worten in den Schweinestall zurück: „Den Menschen würde ich gern danken, aber ich weiß nicht wofür.“ Missachtung erlebte Elisabeth von Thüringen durchaus auch durch jene, denen sie einst behilflich war. Eine alte Frau, die von Elisabeth von Thüringen zuvor während einer Krankheit mit Almosen und Medizin versorgt worden war, stieß ihre frühere Wohltäterin bei einer Begegnung in Eisenach auf einem schmalen Steg in den Straßengraben. Nach den Zeugnissen ihrer Dienerinnen lachte Elisabeth aber darüber, denn ein Leben in absoluter Armut entsprach dem Ideal, das sie anstrebte. Zu Karfreitag 1228 legte Elisabeth schließlich in Anwesenheit von Konrad von Marburg und einigen Franziskanern in der Franziskanerkirche in Eisenach ein erneutes Gelübde ab, in dem sie sich von ihrer Familie und ihren Kindern sowie allem Glanz der Welt lossagte und erneut bedingungslosen Gehorsam versprach. Die letzten drei Jahre ihres Lebens verbrachte Elisabeth als ärmliche Spitalschwester in Marburg. Sie radikalisierte sich in dieser Zeit immer mehr und entwickelte eine eigene dogmatische Glaubensauffassung, die sie kompromisslos von sich und anderen abverlangte. Ihren Lebensunterhalt verdiente Elisabeth mit dem Spinnen von Wolle für das Kloster Altenberg, in dem ihre jüngste Tochter Gertrud untergebracht war. In dem Spital, das mit einem Teil von Elisabeths Witwenerbe errichtet wurde, verrichtete sie die niedrigsten Mägdedienste. Sie widmete sich besonders der Pflege von Leprakranken, die nach den Begriffen der damaligen Zeit zu den Elendigsten der Elenden zählten und ausgegrenzt am Rand der Gesellschaft lebten. Die Berichte zeugen davon, dass ihr Mitfühlen jedoch insbesondere den Schwangeren, Gebärenden und Kindern galt. Mehrere ihrer Zeitgenossen haben ihre aufopferungsvolle Fürsorge für einen gelähmten Jungen geschildert, den sie des Nachts mehrfach auf ihren Schultern zum Abort trug und dessen Bett sie immer wieder säuberte. Ausgrabungen am Standort ihres Hospitals zeigten, dass Elisabeth trotz aller Einschränkungen ein gewisses Maß an adliger Lebensführung beibehielt: so umgab sie sich lange Zeit mit einem kleinen Gefolge ihrer einstigen Hofdamen, und sie verfügten über einen Kachelofen, zu dieser Zeit ein echtes Luxusgut. Video: Hol mich heim Sie verstarb in der Nacht vom 16. auf den 17. November 1231 völlig entkräftet an einer Lungenkrankheit. Konrad nahm ihr die letzte Beichte ab, danach empfing sie die Sterbesakramente. Elisabeth beauftragte ihn auch, ihr verbliebenes Vermögen an die Armen und Bedürftigen zu verteilen.
Dann schloß sie für immer die Augen.
Am 19. November wurde sie in der Kapelle des von ihr gegründeten Franziskushospitals beigesetzt.
Konrad von Marburg leitete spätestens im Frühjahr 1232 das Heiligsprechungsverfahren für Elisabeth von Thüringen ein und trieb dieses bis zu seiner Ermordung 1233 energisch und geschickt voran. Video: Musical Elisabeth, Legende einer Heiligen (ab 3:00)Als unabdingbar für eine Heiligsprechung galt eine glaubwürdige Bezeugung von Wundern. Auf diese Tatsache sind die verhältnismäßig umfangreichen Zeugnisse ihrer Zeitgenossen über ihr Leben zurückzuführen, deren besonderer Wert darin besteht, dass sie größtenteils amtliche Dokumente sind. Aufgrund zahlreicher bezeugter Wunderheilungen und ihres Lebenswandels sprach Papst Gregor IX sie zu Pfingsten 1235 heilig.
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Die Nockenwelle
Video: Klopfsäge im SchwarzwaldDie einzigen Kraftmaschinen des Mittelalters waren wind- oder wassergetriebene Mühlen oder durch Tier- oder Menschenkraft angetriebene Göpel. Die erzeugten eine rotierende Bewegung, womit man mahlen, schleifen, töpfern, Lasten heben und bewässern konnte. Seit dem 11. Jhd. brachte man Nocken oder Daumen an verlängerten Wellbäumen der Mühlräder an. Video: Pochwerk Video: Frohnauer HammerDadurch konnte man Stempel rhythmisch heben und fallen lassen und Futterstampfen, Hämmer, Walken, Pochstempel, Blasebälge und Sägen betreiben. Die Nockenwelle spielte zu Beginn des Hochmittelalters eine wichtige Rolle bei der Mechanisierung zahlreicher Gewerbe. Sie könnte in unserer Gegend in Verbindung mit Wassermühlen für Sägewerke, Schmieden, Futterstampfen, Walken verwendet worden sein. Das ersetzte z.B. das Walken mit den Füßen, mit dem frisch gewebte Tücher durch Stoßen, Strecken und Pressen gereinigt und an der Oberfläche verfilzt wurden, damit sie dichter und geschmeidiger wurden. Walkmühlen führten oft zu sozialen Problemen, weil eine Walkmühle bis zu 40 Fußwalker ersetzen konnte. Sie wurden deshalb, aber auch weil fußgewalkte Stoffe von besserer Qualität waren, teilweise verboten.
Video: Feuerschlagen Heizen und Beleuchten
Neben Wärme spendete das offene Feuer auch ausreichend Licht, um Behausungen zu erhellen. Über die Zeit entwickelten sich daraus weitere Beleuchtungsmittel, wie etwa Kienspan, Fackel, Wachskerze, Öl- oder Talglampe. Feuer wurde durch Feuerschlagen gemacht. Dabei schlägt man einen möglichst harten und scharfkantigen Stein so gegen einen stark kohlenstoffhaltigen Feuerstahl, daß glühende Stahlsplitterchen herausspritzen, die leicht entzündbares Material, wie Zunder, zum Brennen bringen.
Kienspäne sind längliche harzreiche Holzstücke vorwiegend aus Kiefer, die früher am häufigsten - weil billig - als Beleuchtung verwendet wurden. Man setzte sie in Halter an der Wand ein, die dort entsprechend verrußt war. Man konnte sie bei der Arbeit auch einfach in den Mund nehmen und hatte die Hände frei - siehe Wikipedia-Artikel mit Bild. Und für die Survival-Freaks ist das Feuermachen damit auch immer ein Thema.
Video: Der LichtermacherDie guten, aber teuren Kerzen wurden aus Bienenwachs gemacht, das dadurch zu einem wichtigen Handelsgut des Mittelalters wurde. Für die billigen Kerzen, so genannte Unschlittkerzen, wurde minderwertiger Talg aus Rinder- oder Hammelfett verwendet. Dementsprechend rochen und rußten Unschlittkerzen stark. Bei allen Kerzen aus diesen Brennstoffen musste der Docht regelmäßig „geschneuzt“ (gekürzt) werden, um Rußen und Tropfen zu vermeiden.
Öllampen sind älter als Kerzen. Video: Gleichnis von den 10 JungfrauenEin flacher Behälter enthält dickflüssiges Fett, Talg, Tran, Öl, in dem ein Docht liegt. Sicher lauschten unsere Vorfahren in der Kirche immer mal wieder dem Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, das im Mittelalter eines der populärsten war. Dort spielen Öllampen eine Schlüsselrolle.
Video: die Zeidlerei - Met und BärenfangApropos Bienenwachs: Auch die Honigbienenhaltung ist tausende Jahre alt. Honig war bis ins 17. Jhd., als der Rohrzucker kam, das einzige Süßungsmittel. Auch Basisstoffe für die Medizin (Propolis, das Kittharz der Bienen; Gelée Royale usw.) gewann man. Und wer kennt nicht den Met? Es gab einerseits die Imkerei mit Beuten (oder Stock/Korb/Klotz/Stülper/Sumper), besonders auch in Klöstern, die einen hohen Bedarf an Kerzen hatten, andererseits das Wildhonigsammeln, die Zeidlerei. Zeideln bedeutet "Honig herausschneiden", entweder von wilden Bienen oder in künstlichen Baumhöhlen angesiedelten Bienen. Die Waldbienenzucht wurde von den Slawen übernommen. Imker galten als ausgemachte Fachleute, auch als abgehärtete Einzelgänger wegen der Stiche. Es wurde mit Alter, Weisheit, Erfahrung aber auch Verschrobenheit assoziiert. Unser Imkerverein führt diese Tradition erfolgreich fort. Ja, und unser Tammo hat sicher, wenn er seine Rüstung trug, immer einen großen Bogen um die Bienenstöcke gemacht! Immerhin beschreibt Otto Piper in seiner Burgenkunde, daß mit den mittelalterlichen Wurfmaschinen u.a. auch Bienenstöcke geworfen wurden. Während der Kreuzzüge soll das mehrfach vorgekommen sein.
Kommen wir nun zum Heizen: Der älteste Brennstoff der Menschheit ist trockenes Holz Anfangs fiel durch die Rodungen genug Feuerholz an. Dann mußte man aber die Waldnutzung regeln, denn Holz brauchte man auch als Baustoff. So nutzte man z.B. nur die Baumkronen als Feuerholz oder richtete Brennholzwälder ein, in denen Baumarten vorherrschten, die wieder aus dem Wurzelstock ausschlagen konnten, nachdem sie geschlagen wurden, wie z.B. Hasel, Linde, Eiche, Erle, Weide oder Hainbuche. Hier mehr dazu: Der Wald im Mittelalter. In unserer Gegend könnte auch schon Braunkohle genutzt worden sein, die mancherorts offen zutage lag und die bei Waldbränden auch ins Brennen geriet. Sie war wegen der Rauchgase nicht beliebt. Torfabbau ist seit der Bronzezeit bekannt, könnte in unserer Gegend nach Trockenlegung sumpfiger Flächen eine Rolle gespielt haben. Der Heizwert getrockneten Torfes liegt zwischen Holz und Braunkohle, er wurde auch als Einstreu verwendet.
Seit alters her bis heute wird auch getrockneter Tierdung zum Feuern verwendet, besonders da, wo Holz knapp ist. Z.B. getrockneter Kamelmist in Wüsten und Steppen. Auch getrocknete Kuhfladen eignen sich. Hier mehr dazu: Dry Tierdung Brennstoff Video: Kuhfladen in der PusztaAuf der ungarischen Hortobágy mit ihrem Mangel an Bäumen ist es eine alte Tradition für die Hirten, die getrockneten Kuhfladen zu sammeln und zu verbrennen. Da sie gleichmäßig ihre Wärme freisetzen, sind sie ein besserer Brennstoff als Holz!
Und nicht zu vergessen: die Holzkohle. Sie ist leicht entzündlich, schlägt beim Verbrennen keine Flammen, weil die flammenbildenden Gase bereits bei der Verkohlung entwichen sind, und brennt mit einer höheren Temperatur als Holz. Aber die mußte man sich leisten können! Zum uralten Köhlerhandwerk und der Stahlerzeugung später.
Wie sahen die Feuerstellen aus? Die Küchen im Mittelalter waren einfach. Gekocht wurde meist an einer kniehoch aufgemauerten offenen Feuerstelle in der Mitte des Wohnraums und man heizte damit gleichzeitig die Räume. Der Rauch zog durch das ganze Haus und entwich über Öffnungen im Dach. Das führte dazu, dass das ganze Haus beheizt wurde, aber auch dass der Ruß sich im Kochbereich („Rauchkuchl“) und im ganzen Haus (samt Kleidung, Lungen und Haut der Bewohner) niederschlug und die Feuergefahr stieg. Video: Essen im MittelalterFleisch und Fische wurden nahe der Kochstelle oder unterm Dach vor Nagern oder Haustieren gesichert aufgehängt und wurden dort automatisch getrocknet und geräuchert. Mit Einführung von Zwischendecken ergab sich die Notwendigkeit einer besseren Rauchabführung. Über dem offenen Feuer befand sich dann ein trichterförmiger Rauchfang, der oben in den Schornstein mündete und in dem auch Wurst und Fleisch geräuchert werden konnte. Mit dem Aufkommen gemauerter oder eiserner Kochherde wurde der Rauchfang überflüssig, in ländlichen Gebieten hielt sich das Kochen über offenem Feuer noch bis Ende 19. Jhd. Öfen konnte sich nicht jeder leisten, weswegen z.B. in den Dörfern Backöfen gemeinschaftlich genutzt wurden. In Burgen und Klöstern gab es abgetrennte Küchen mit Feuerstelle und Rauchfang an der Wand und Kamine zum Heizen. Bei Elisabeth von Thüringen haben wir erfahren, daß sie bereits einen Kachelofen nutzte.Antike Kachelöfen Diese waren ein großer Fortschritt. Anfangs hatte man keramische Teile in die Lehmkuppeln der Öfen eingebaut (mit Ofenlehm). Dadurch konnte die Feuerhitze gespeichert und verzögert abgegeben werden, wenn das Feuer bereits heruntergebrannt war (besserer Wirkungsgrad). Die frühen Kachelöfen waren Hinterlader, d.h. sie wurden von einem Nebenraum (z.B. Küche) aus befeuert und durch die Feuerungsöffnung zog auch der Rauch ab zum Küchenrauchfang. Der Ofen selber stand im Nebenraum, der dadurch rauchfrei blieb. Die Stube, der zentrale Lebens- und Arbeitsraum des Mittelalters war entstanden. Um 1200 gehörte der Kachelofen auf Burgen, in Klöstern und in städtischen Wohnhäusern oft bereits zur Standardausstattung. Auf der Ofenbank konnte man sich schön wärmen. In eingebauten Fächern konnte man backen, Speisen und Wasser erhitzen. Kindheitserinnerung: Wenn im Winter die Schlafzimmerwände von Eiskristallen glitzerten, machte die Mutter Wolldecken auf dem Kachelofen warm. In die mummelten wir uns ein und schliefen herrlich. Hier kann man was zur Historie nachlesen. Stellen wir uns vor, daß insbesondere die weiblichen Mitglieder in Tammos´s Sippe ihren Ritter solange gedrängelt haben, bis es auch in ihrer Wasserburg eine kachelofengewärmte Stube gab.
Nun zu den Köhlern. Sie erzeugten die Holzkohle in Meilern durch Verschwelung von Holz. Holzkohle wird gebraucht zur Eisenerzeugung, da sie die Metalloxide reduziert. Steinkohle eignet sich nicht wegen schädlicher Inhaltsstoffe. Weiter braucht man sie überall, wo große Hitze ohne Rauchgase und Flammen benötigt wird, z.B. Schmiedefeuer, Bügeleisen usw. Man kann mit ihr auch konservieren, desinfizieren, filtrieren. Die Köhlerei ist eine der ältesten Handwerkstechniken der Menschheit. Video: Wenn die Kohle klingeltDie Köhler führten ein karges, einsames Leben, stets in der Nähe des Meilers in einer Köhlerhütte (Köte). Während des gesamten Mittelalters waren die Köhler geächtete Leute. Ihr Beruf galt als unehrenhaft. Immer wieder wurden ihnen dunkle Machenschaften nachgesagt. Wegen der ständigen Pflicht, den Meiler auf der richtigen Temperatur zu halten, und dem aus dem Meiler aufsteigenden Kohlenmonoxid kann davon ausgegangen werden, dass Angstzustände, Schlafmangel, andere psychische Auffälligkeiten und Brandnarben zum Berufsbild gehörten. Video: Köhlerhütte Fürstenbrunn und Altenburger PrinzenraubNatürlich gabs auch viele gute Kerle unter ihnen, wie Köhler Georg Schmidt, genannt Triller, der 1455 den Prinzen Albrecht aus den Händen des Ritters Kunz von Kauffungen befreite. Die Köhlerei gab es eher in den großen Waldgebieten wie dem Harz, wo es wohl auch eine Köhlerin gab - die Köhlerliesel!
Wenden wir uns nun der Metallurgie zu. Und da kommt der Schmied ins Spiel, den es wohl in allen größeren Ansiedlungen gab. Pferde mußten beschlagen werden. Geräte, Werkzeuge und Waffen mußten hergestellt und repariert werden. Man brauchte Nägel, Türangeln, Rad- und Faßreifen usw. Vor mehr als 4000 Jahren ging es mit Kupfer, Gold und Silber los. Cu und Au schmelzen bei knapp 1100 °C, Ag bei 960 °C und sind in gediegener Form zu finden. Video: HufschmiedMit Holzkohle und Sauerstoffzufuhr (Blasen) kann man diese Temperaturen ereichen. Holzkohle erhielt man als Verbrennungsrest in Feuergruben unter der Asche. So erhielt man Beile und Pfeilspitzen aus Kupfer. Man erkannte schnell, daß Beimischung von Zinn das Metall härter macht bei niedrigerem Schmelzpunkt. So erhielt man Bronze, die sich auch gut für Schmuck und Klangkörper (Glocken, Becken) eignet. Auch Kupfer-Zink-Legierungen (Messing) waren bekannt. Gold und Silber eigneten sich nur für Schmuck und Münzen, Silber auch für hochwertige Metallgeräte. Eisen in gediegener Form fand man als Meteoriteneisen, mindestens seit 1300 v. Chr. wurde Eisenerz verhüttet, zuerst von den Hethitern, die darauf ein Monopol hatten. Sie stellten aus dem Eisen, das anfänglich mit bis zum achtfachen Gewicht in Gold aufgewogen wurde, vorwiegend Schmuck her. In den keltischen Gebieten begann die Eisenverhüttung ab etwa 500 v. Chr. Eisen ist nach Aluminium das zweithäufigste Metall. Man lernte, den Kohlenstoffanteil auf unter 2 % zu verringern und erhielt so schmiedbaren Stahl. Durch das Härten erreichte man dann auch die Härtewerte von Bronze, die aber spröder ist, schlecht schmiedbar und wesentlich teurer. Video: Schulprojekt Rennofen
In unserer Gegend kam viel Raseneisenstein vor. Der wurde bekanntlich ab dem 18. Jhd. in den Einsiedelschen Stahlwerken in Gröditz und Lauchhammer zusammen mit der Holzkohle aus den Wäldern der Region zu Stahl verarbeitet. Raseneisenstein war auch zu Tammo´s Zeiten eine Hauptquelle für die Eisengewinnung. Dazu benutzte man bis ins 14. Jhd. den Rennofen. Dieser war schachtförmig und wurden von oben mit Holzkohle und Erz befüllt. Bei um die 1200 °C bildete sich Schlacke, die in die Herdgrube rann (deswegen Rennofen) und die Eisenluppe oder "Ofensau", die im Ofen zurückblieb, das so genannte Renneisen. Der Ofen mußte belüftet werden entweder durch Blasebälge oder Windführung, indem man ihn auf Anhöhen plazierte. Nun kann ich nicht sagen, ob der Schönfelder Schmied sein Eisen selber so gewonnen hat. Evtl. gibt es da Bodenfunde. Wahrscheinlicher ist, daß wegen des großen Eisenbedarfs und der Logistik von wegen Erz und Kohle das an bestimmten Orten zentral erfolgte und das Renneisen an die Schmiede der Umgebung verkauft wurde. Möglicherweise wurde auch der erste Verarbeitungsschritt, das Gärben/Raffinieren des Renneisens, dort schon ausgeführt, so daß man schmiedbare Halbzeuge (Stangen, Barren u. dgl.) liefern konnte. Denn da war noch ein wichtiger Zwischenschritt: aus dem Renneisen müssen noch das Zuviel an Kohlenstoff und Schlackereste heraus, bevor es Schmiedestahl wird. Das machte man durch Gärben (wird auch als Raffinieren bezeichnet), also durch Feuerschweißen und Ausschmieden. Die Garbe ist ein Bündel aus entweder dem Renneisen (Luppe, Eisenschwamm) oder schon Eisenhalbzeug, das auf Weißglut erhitzt auf dem Amboß verschweißt und ausgeschmiedet wird. Video: Damast-Messer schmiedenDas wird eingekerbt, gefaltet und wieder verschweißt und geschmiedet und das mehrmals. In der Antike wurde das häufig von Sklaven verrichtet. Im Mittelalter hatte man dazu durch Wind- oder Wasserräder angetriebene Hammerwerke. Aber schon in der Antike verstand man es, Stähle unterschiedlicher Zusammensetzung (Legierung) zu gärben, so daß der Stahl ein Muster ähnlich einer Maserung bekommt, die der geschickte Schmied gezielt steuern kann. Die Germanen schufen zur Zeit der Völkerwanderung hervorragende Waffen mit äußerst kunstvollen Damaszenerstahlarbeiten, die zudem aufwändig differentiell gehärtet wurden (sog. wurmbunte Klingen mit hoher Elastizität dank harter, scharfer Schneiden und weicherem Klingenrücken). Video: Wurmbunt - Auf der Suche nach der Seele des SchwertesHier stand erstmals nicht nur die Funktionalität im Vordergrund, sondern auch die künstlerische Umsetzung – wobei natürlich eine kunstvolle Klinge auch eine hohe Funktionalität versprach. In römischen Quellen zu den Kämpfen gegen keltische Stämme wird allerdings berichtet, daß mancher Krieger hinter die Reihen zurück treten mußte, um sein Schwert wieder gerade zu biegen. Mhm, Qualitätsschwerter waren eben teuer und da war es wohl gescheiter, die römischen Legionäre mit einer Eisenstange/keule zu bearbeiten als mit so einem Billigschwert. Viele Schwerter trugen Namen und waren nahezu Kultobjekte. Vielleicht war unser Schönfelder Schmied solch ein Künstler, der seinem Herrn solch ein wurmbuntes Schwert schmiedete? So daß ein allgemeines "Ah!" und "Oh!" ertönte, wenn Tammo beim Turnier seinen "Tammosax" aus der Scheide zog Sage von Wieland dem Schmiedoder die wurmbunte Klinge kreuzte mit den Sarazenen oder einem fremden Ritter, der ihm den Fehdehandschuh hingeworfen hatte? Jedenfalls waren gute und erfahrene Schmiede sehr gefragt. Heute wie früher sind und waren sie ziemliche Universalgenies, oft auch Künstler. Und hatten was Mystisches.
Etwas zu Zahlen und Buchstaben
Mal abgesehen davon, daß damals die Wenigsten lesen und schreiben konnten, zeigt uns die o.g. Urkunde des Klosters Altzella, daß vorwiegend noch in lateinischer Sprache geschrieben wurde und auch das lateinische Alphabet in Gebrauch war. Daraus entwickelte sich das deutsche ABC. Im 13. Jhd. benutzte man noch Umschreibungen für die Umlaute ä ö ü, wie z.B. iu für das ü oder ae für das ä oder man setzte ein kleines e oder i direkt übers a o u drüber, woraus sich ab dem 16. Jhd. die beiden Pünktchen entwickelten. Das ß wurde erst ab 1900 eingeführt.
Video: Roemische ZahlenDie Urkunde enthält auch noch die römischen Zahlzeichen. Damit war das Rechnen schwierig. Es gab kein Zeichen für die Null (auf Rechenbrettern wurde die Stelle freigelassen) und es liegt dem kein Stellenwertsystem zugrunde (wir nutzen heute binär/oktal/dezimal/hexadezimal). Da haben uns wieder mal östliche Kulturen auf die Sprünge geholfen. Ab dem 3. Jhd. v. Chr. entwickelten sich in Indien eigene Zeichen für die Zahlen 0 bis 9, wobei unter dem Wort šûnya die Null geboren wurde. Dies ist ein zentraler buddhistischer Begriff und bedeutet, dass alles leer und frei von Dauerhaftigkeit ist. Da in Indien bereits vor einigen tausend Jahren astronomische Beobachtungen systematisch und auf einem hohen Niveau betrieben worden sind, wurden große Zahlen benötigt: Lakh entspricht 100.000, ein Crore sind 100 Lakh, entspricht also 10.000.000, wir erkennen schon das Dezimalsystem. Etwa im 7. Jhd. übernahmen die Araber diese Zahlzeichen und verwendeten wie im Arabischen üblich die Schreibweise von rechts nach links. So ist der höchste Stellenwert immer links. Um 825 schreibt der persische Mathematiker, Astronom und Geograph al-Hwarizmi sein Werk über das Rechnen mit indischen Zahlzeichen. Aus dem arabischen Wort sifr für Null entstand das Wort Ziffer. Video: FIBONACCI-ZAHLEN und ihre BEDEUTUNG in der NATURDer Italiener Leonardo Fibonacci folgte um 1192 seinem Vater nach Algerien und lernte dort Abu Kamils Algebra kennen. 1202 vollendete Fibonacci den Liber abaci, in welchem er unter anderem die indischen Ziffern vorstellt und diese in der Tat als »indische Ziffern« und nicht als »arabische Ziffern« bezeichnete. In Europa entwickelte sich die heute gebräuchliche Form der Ziffern. Wir sprechen heute von der indisch-arabischen Zahlschrift.
Etwas zu den Namen der Wochentage und Monate
Die 7-Tage-Woche geht auf die jüdische Tradition zurück, wurde bereits von den Römern übernommen. Die Römer verwendeten die Namen ihrer Götter, die Germanen ersetzten diese ab dem 4. Jhd. durch ihre Götternamen und die Kirche versuchte dann, diese heidnischen Namen wieder zurückzudrängen, was aber im deutschsprachigen Raum nur beim Mittwoch und Samstag gelang. Die mittelhochdeutschen Wochentagsnamen des 12. Jhd. sind:
DeutschMittel-HDErläuterung
MontagmantacTag des Mondes (Mani = Gott des Mondes)
DienstagziestacTag des Tiu/Ziu/Tyr, Gott des Kampfes und Sieges
Mittwochmitwochechristianisiert zu Mitte der Woche, vorher Wodensdag (Göttervater Wotan/Odin)
DonnerstagdonerstacTag des Thor/Donar/Thunar, Donnergott
FreitagvritacTag der Göttin Frija/Frigg/Frigga, Gemahlin des Odin
SonnabendsunabentTag vor Sonntag, vorher Tag des Saturn, römischer Gott, oder des Sabbat (=Ruhetag)
SonntagsuntacTag der Sonne
Auch die Monatsnamen wurden einerseits von den Römern übernommen und andererseits erhielten sich auch die von Karl dem Großen eingeführten. Da ja die Siedler aus verschiedenen Gegenden kamen, mußte man sich untereinander über einen gemeinsamen Sprachgebrauch verständigen. Hier eine Übersicht von turba-delirantium.skyrocket.de
HochdeutschLateinalthochd.fränkischmittelhochd.
Januarjanuariushartungwintarmanothiarmanot, wintarmanot
Februarfebruariushornunghornungmanothhornung
Märzmartiuslenzinglenzinmanothmerze, lenzemanot
Aprilaprilisostaramondostarmanothostermanot, abrelle
Maimaiuswonnemondwinnemanothmaie
Junijuniusbrachetbrachmanothbrachmanot
Julijuliusheuerthevimanothhormanot
Augustaugustuserntingaranmanothaernimanot
Septemberseptemberscheidingwitumanothherbistmanot
Oktoberoctobergilbhartwindumemanothwindemanot
Novembernovemberneblungherbistmanothwintermanot
Dezemberdecemberjulmondheilagmanothhertemanot
Nun brauchte man ja auch einen Kalender. Darum kümmerte sich die Kirche. Aus dem julianischen Kalender der Römer wurde ein christlicher Kalender abgeleitet, der für alle Jahre gültig war (immerwährender Kalender) und die christlichen Feiertage enthielt. Dem lag eine Ostertafel bei, aus der man den Termin des Osterfestes berechnen konnte und die die speziellen Feiertage der jeweiligen Diözese enthielt. Viele Tage waren und sind heute noch nach Heiligen benannt, es gibt einen ganzen Heiligenkalender. Die Leute verwendeten Datumsangaben wie "Vritac vor Martini" (Martinstag 11. November) und auch die Bauernregeln lauten entsprechend, z.B. "Maria Geburt fliegen die Schwalben fort (Maria Geburt = 8.9.)".
Wie war es nun mit den Tageszeitangaben? Man wollte sich doch verabreden können! Die ersten mechanischen Uhren kamen erst im 14. Jhd. als Kirchturmuhren auf (die hatten anfangs nur einen Zeiger - es kam noch nicht so auf die Minute an). Und erst damit die Einteilung von Tag und Nacht in je 12 gleich lange Stunden. Die Einteilung in Stunden ("hora") kannten schon die Griechen und Römer. Die Kirche paßte diese Zeiteinteilung ihren Bedürfnissen an, d.h. einerseits dem Tagesablauf mit Gebets- und Essenszeiten und andererseits den Naturvorgängen wie Sonnenauf- und Untergang. Die kanonischen ("der Regel entsprechenden") Stunden waren demnach schließlich folgende:
1. matutina, im 3. Viertel der Nacht
2. hora prima, bei Sonnenaufgang
3. hora tertia, um Mitte des Vormittags
4. hora sexta, Mittagszeit
5. hora nona, Mitte des Nachmittags
6. vespera, eine Stunde vor Sonnenuntergang
7. completorium, nach Sonnenuntergang
Man sieht schon, daß die Stunden ungleich lang waren und ihre Lage im Tagesablauf von der Jahreszeit abhing. Weil die Mönche oftmals erst ad nonam, während der Fastenzeit sogar erst ad vesperam essen durften, verschob man die Zeit: die Nona ("High Noon") kam allmählich auf Mittag, die Vesper auf die Mitte des Nachmittags und die Sexta fiel weg. Genauere Informationen findet man unter www.nabkal.de/tag.html Nicht nur der Islam sondern auch die christliche Kirche verlangt ja von ihren Gläubigen die Verrichtung der Gebete zu bestimmten Stunden. Deswegen richteten sich alle danach. Video GlockenläutenDa Papst Sabinianus (604/605) angeordnet hatte, die Gebetszeiten durch Glocken zu verkünden, richtete sich bald die gesamte Bevölkerung nach den Glockensignalen der Kirchen. Mußten nun Tammo´s Leute die Ohren spitzen, um die Glocken von der Lampertswalder Kirche zu hören? Die hatten wir ja schon weiter oben erwähnt. Die Seite des Kirchenbezirk Meißen-Großenhain vermutet: "Es ist anzunehmen, dass mit der Besiedelung dieser Landschaft im 12. Jahrhundert auch eine erste Kirche an dieser Stelle (der heutigen Schönfelder Kirche) entstand. Bereits 1219 wird ein Pfarrer in Schönfeld erwähnt." Auch in Linz gab es schon im 13. Jhd. eine Kirche.
Bleibt nun die Frage, wie der Küster wissen konnte, wann die rechte Zeit zum Läuten war! Da hat eine Sonnenuhr geholfen, vielleicht auch das Hähnekrähen und das Verhalten anderer Tiere (z.B. Kühe, die nach den Melkerinnen muhen), Sonnenauf- und Untergang war ja oft sichtbar, der Sternenhimmel liefert auch Anhaltspunkte, vielleicht war das Zeitgefühl der Menschen noch ausgeprägter, bestimmte routinemäßige Abläufe dauerten immer die gleiche Zeit (z.B. Herunterbeten des Rosenkranzes, Absingen von Liedern). In den Klöstern leistete man sich auch Kerzenuhren. Die heruntergebrannte Kerzenlänge ist ein Maß für die vergangene Zeit. Ja und wäre es nicht auch denkbar, daß man auf das Läuten der Domglocken wartete und dann breitete es sich von Kirche zu Kirche über das Land aus? Heute gibt es umfangreiche Läuteordnungen.
Gab es schon genauere Zeitmessmethoden? Wikipedia hilft uns: "Die erste nachweisbare Uhr war – von Sonnenuhren abgesehen – eine Wasseruhr oder Klepsydra, wie sie um ca. 1380 v. Chr. in Ägypten verwendet wurde. Video Antike WasseruhrSie wurde später von den Griechen und Römern dazu benutzt, die Zeit bei Gericht festzuhalten. Man sorgt dabei für einen konstanten Wasserzufluß in einen zylindrischen Behälter, so daß der Wasserstand darin zeitlich gleichförmig ansteigt.
Als erste mechanische Uhr gilt ein um 1250 am Hofe Ludwig IX. in Paris entwickeltes Gerät. Vermutlich sind aber Schwingungsvorgänge wie das Pendel schon vor Jahrtausenden zur Zeitmessung benutzt worden. Ab dem 14. Jahrhundert wurde die Sanduhr neben der mechanischen Räderuhr als einfaches nichtmechanisches Zeitmessgerät eingesetzt."
Etwas zu Bildung und Weltbild
Eine allgemeine Schulpflicht wie heute gab es nicht. Aber durchaus schon Klosterschulen, Kathedralschulen und Privatschulen, die von Magistern auf Basis von Schülerhonoraren betrieben wurden. Lehrinhalte waren vor allem Religion, Grammatik, Logik, Sprachen und das "Quadrivium": Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Bücher wurden nur handschriftlich gefertigt, waren entsprechend kostbar und selten. Video Der Name der RoseEs war eine Domäne der Klöster. Aus Umberto Eco´s "Der Name der Rose" wissen wir, wie noch anno 1327 in einer italienischen Benediktinerabtei der Schatz der Bücher eifersüchtig gehütet wurde und der Klerus streng darauf achtete, daß nur Wissen öffentlich wurde, welches mit der Religion im Einklang stand. Für die Kinder der einfachen Leute waren diese Schulen nicht gedacht. Es sei denn, sie wollten die geistliche Laufbahn einschlagen oder fielen durch besondere Intelligenz auf, so daß der Pfarrer oder der Grundherr sich für sie einsetzten und die Kosten übernahmen. Der Adel hatte seine eigenen Bildungswege. Da wurde besonders auf Erziehung Wert gelegt. Video Der PraezeptorMan lernte Fechten, Jagen, Reiten, Schwimmen, Schachspiel, Bogenschießen, höfische Sitten, Verseschmieden, Tanzen. Auch die Kenntnis von Liedern, das Saitenspiel und das Lernen von Spruchweisheiten waren Bestandteile dieser Ausbildung. Aus "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" kennen wir den Praezeptor, den Hauslehrer. Video St. Afra Gymnasium MeißenAls mit der Reformation im 16. Jhd. der Prozeß der Säkularisierung einsetzte (Klöster wurden aufgelöst, Kirchenbesitz wurde enteignet, bisherige Domänen des Klerus, wie eben Bildung, gingen an weltliche Institutionen über), entstand z.B. in Meißen als eine der ersten 1543 die Fürstenschule St. Afra (heute Landesgymnasium). Aber da waren auch die großen Städte, die die Staufer-Kaiser ja gestärkt hatten, und große Unternehmungen wie die Hanse (ab 12. Jhd.). Man wollte mehr von der Welt wissen. Wissenschaft war nötig. Für die Navigation auf hoher See, für Konstruktion von Bauwerken und Maschinen, für Berechnung optischer Geräte (Ende 13. Jhd. wurde die Brille erfunden, endlich konnten ältere und erfahrene Meister weiter ihr Metier ausüben, wenn es dabei auf die Augen ankam), und nicht zuletzt für medizinischen Fortschritt. So entstanden aus Kloster- und Domschulen erste Universitäten. 1088 schon in Bologna, in unserer Nähe 1348 in Prag. Video Der MedicusErinnern wir uns an den Roman "Der Medicus" von Noah Gordon, wo ein wißbegieriger junger englischer Medicus sich bis nach Persien durchschlägt, um bei dem damals berühmtesten Arzt Avicenna Medizin zu studieren.
Welches Bild hatte man hierzulande von der Welt? Video Ebstorfer WeltkarteDa wäre z.B. die vor oder um 1300 entstandene Ebstorfer mappa mundi (Weltkarte) auf Pergament mit 3,6 m Durchmesser. Geographisch nur eine ungefähre Vorstellung, aber man sieht, daß zur Welt für die Menschen damals eben auch das Paradies (ganz oben), Fabelwesen, Amazonen usw. gehörten und Jerusalem lag natürlich in der Mitte. Immerhin sind Meißen und andere sächsische Städte auch bereits drauf! Bitte hier klicken, um unsre Region zu sehen, in der Mitte links liegen Meißen, Prag, Bautzen. Beachte: Osten ist oben! Weitere Erläuterungen hier. Leider ist die Original-Karte 1943 bei einem Bombenangriff auf Hannover verbrannt.
Video: Ist die Erde flach? Wie stellte man sich nun die Gestalt unserer Erde vor? Da gab es seit Aristoteles (384–322 v. Chr.) eigentlich kaum Zweifel an deren Kugelgestalt. Und auch die Kirche erkannte das an. Seit etwa 1014 gehört der Reichsapfel zu den Insignien des Heiligen Römischen Reiches. Video Die ReichsinsignienEr symbolisiert die Herrschaft über die Weltkugel. Auch konnte man bei Mondfinsternissen sehen, daß der Erdschatten rund ist. Und wegfahrende Schiffe versinken scheinbar hinter dem Horizont. Die Idee von der flachen Erde findet sich in frühen Mythen und wurde später der Kirche unterstellt, um sie als rückständig und wissenschaftsfeindlich hinzustellen. Heutzutage benutzt man ja auch den Zusatz "... jaja - und die Erde ist eine Scheibe!", um irgendwas ironisch durch den Kakao zu ziehen. Video Is Earth Actually Flat? Umso mehr muß man den griechischen Gelehrten Erathostenes bewundern, der schon im 3. Jhd. v. Chr. den Erdumfang im Auftrag des ägyptischen Königs ziemlich genau vermessen hatte. Er hatte die Sonnenhöhe in den Städten Alexandria und Syene (heute Assuan) gleichzeitig genau Mittags am Tag der Sommersonnenwende gemessen/messen lassen. Video How did Eratosthenes calculate the circumference of the Earth? In Syene stand die Sonne im Zenit (0°), in Alexandria 7°12´ nach Süden geneigt, das ist 1/50 des Vollkreises. Beide Städte liegen auf dem gleichen Längengrad 5000 Stadien voneinander entfernt. Man müßte also 50 mal diese Strecke von 5000 Stadien wandern, um einmal um die Erde herum zu sein. Diese 250.000 Stadien entsprechen 41.750 km. Das ist erstaunlich genau, der tatsächliche Erdumfang am Äquator beträgt 40.075 km!
Jedoch gibts auch heute noch Verfechter der Idee von der flachen Erde, die Flat Earth Society. Was sich allerdings unter dem Einfluß des Klerus lange hielt (bis ca. 1600), war das geozentrische Weltbild mit der Erde im Mittelpunkt, um die sich alles bewegt. Das erschien Tammo und seinen Zeitgenossen durchaus glaubhaft. Sie schauten zum Himmel und Sonne, Mond und Sterne bewegten sich um sie herum. Da mußte man nicht groß rätseln, sie hatten auch andere Sorgen. Die Astronomen jedoch mußten immer kompliziertere Modelle ersinnen, um z.B. die Bahnen der äußeren Planeten zu erklären. Wenn die Erde sich z.B. auf ihrer Bahn dem Mars annähert, überholt sie ihn gewissermaßen und es scheint so, als ob der Mars sich auf dem Sternenhintergrund plötzlich rückwärts bewegt. Video Heliozentrisch GeozentrischDann entfernt sich die Erde wieder und der Mars bremst ab und kommt wieder in die richtige Richtung voran. Scheinbar vollführt er eine Schleifenbewegung. So nahm man eben an, daß der Mars nicht nur um die Erde, sondern zusätzlich noch um einen fiktiven Punkt kreist, der wiederum ebenfalls die Erde umkreist (Epizykeltheorie). Das waren zwar sehr komplizierte Berechnungen, nur um die Wirklichkeit an das herrschende Dogma "anzupassen", aber die Kirche wars zufrieden. Die Erde mit Rom und Jerusalem blieb im Mittelpunkt und der Mensch die Krone der Schöpfung. 1543 hatte Nikolaus Kopernikus sein heliozentrisches Weltbild mit der Sonne im Zentrum vorgestellt und erst als seit 1545 die katholische Kirche mit aller Härte gegen die Reformation ankämpfte, wurde dieses Weltbild verteufelt, Giordano Bruno deswegen 1600 verbrannt und Galileo Galilei 1633 zum Widerruf gezwungen. Erst 1992 wurde er offiziell rehabilitiert, Giordano Bruno erst 2000.
Nun etwas zu Hufe und Hof
Der Begriff der Hufe spielte in der deutschen Ostsiedlung eine wichtige Rolle. Die Hufe entsprach im Zuge dieser Kolonisierung weitgehend unbewohnter Gebiete einer Standardfläche, die den neu ankommenden Bauern als Lehen oder als zu erwerbender Besitz angeboten wurde. Video Das Dorf - Landleben früherHufen wurden vom Landesherren nicht nur Bauern verliehen, sondern auch Lokatoren, Schulzen (Schulzenhufe) und ritterlichen Grundbesitzern (Ritterhufe), und daneben auch zum Unterhalt von Kirche und Pfarrer bestimmt (Kirchen- bzw. Pfarrhufe). Pro Hufe waren bestimmte Abgaben festgelegt (Bede, Pacht, Zins), die in Urbaren (Verzeichnissen über Besitzrechte und zu erbringende Leistungen) verzeichnet waren. Die beiden Wörter Hufe und Hof sind von Huba abgeleitet, was ein Areal bezeichnet. Hufe bezeichnet ein landwirtschaftliches Gut, welches mit einem Pfluge bestellt werden kann und demnach der Arbeitskraft einer Familie entspricht und diese ernährte. Video Ochsen bei der WaldarbeitDas waren meist rund 30 Morgen. Großbauern konnten mit Hilfe von vielen Knechten und mehreren Zugtiergespannen auch 60 oder gar 120 Morgen bewirtschaften (Großhufe bzw. Königshufe). Mit der Erfindung des Widerrist-Joches im Hochmittelalter sowie später durch die Verwendung des Kummets wuchs die Pflugleistung der Zugtiere erheblich. Der Morgen war regional und je nach Bodenbeschaffenheit von unterschiedlicher Größe. Er lag zwischen zwanzig und bis über fünfundsiebzig Ar (= 100 qm). Video Das Dorf - Landleben früherDie hörigen und leibeigenen Bauern waren nicht Eigentümer der Ackerflächen, die sie bewirtschafteten, weshalb die der Hufe entsprechende Fläche mancherorts auch als Lahn, also als Lehen, bezeichnet wurde. Kleinere Bauerngutsgrößen waren die Dreiviertel-, Halbhufe oder ähnlich (der entsprechende Teil einer regionalen Hufe). Handelte es sich bei den Angesiedelten nicht um Vollbauern mit allen Rechten der Altgemeinde, waren sie Kleinbauern. Damit unterschieden sich diese von den Häuslern (Handwerkern), deren Grundbesitz sich auf das Land beschränkte, auf dem ihr Haus und ein zugehöriger Nutzgarten lagen.
Die Fränkische Hufe war eine festgelegte Agrarfläche, die seit dem neunten Jahrhundert im Fränkischen Reich, sowie später im Heiligen Römischen Reich bei Dorfneugründungen den Neubauern als Standardfläche zugewiesen wurde. Dabei erachtete man es als vorteilhaft, die Hufen als sehr lange und relativ schmale Flächen auszugestalten. Video Rekonstruktion eines frühmittelalterlichen Gehöftes Die neu gegründeten Dörfer sind so genannte Reihendörfer, in denen rechts und links einer zentralen Achse, z. B. einer Straße oder eines Fließgewässers, die jeweiligen Hofgebäude im Abstand von ca. 50 bis 100 Meter beieinander stehen. Dahinter besaß jede Bauernfamilie ihre bis zu fast zweieinhalb Kilometer lange, aber nicht sehr breite Agrarfläche, bestehend aus Gemüse- und Obstgärten, Wiesen, Feldern und schließlich auch Wald. Sollte die Fläche der zugewiesenen Streifen aus topografischen Gründen etwas kleiner gewesen sein als die volle Hufe, so wurde das in so genannten Ausgleichsfeldern kompensiert. Diese lagen aber gegebenenfalls etwas weiter entfernt von der zusammenhängenden Gehöftsfläche gleich hinter dem Haus. Hier eine Übersicht zu Fränkischen Hufen von Wikipedia: Wikipedia
Video LandvermesserIm Laufe der Zeit wurden drei Königsruten verschiedener Länge (fränkische, sächsische, salische) zur Vermessung verwendet, wobei die Gesamtfläche aber stets gleich blieb. Die Sächsische Königsrute wurde schon sehr früh von den sächsischen Liudolfingern verwendet. Sie misst knapp 8,60 Meter und misst gleich zwei Sächsische Feldmesserruten, wie sie in Sachsen bis ins neunzehnte Jhd. hinein verwendet wurden (4,30 m ist eine handliche Länge vor Ort). Die Sächsische Königsrute beruht auf dem Sächsischen Königsfuß mit etwa 286,5 mm. Dieser ottonische Sachsenfuß verbreitete sich im ganzen Reich; so beispielsweise nach Hamburg und Stuttgart und blieb dort jeweils offiziell bis zur Annahme des metrischen Systems im 19. Jahrhundert. Dreißig alte sächsische Fuß misst die sächsische Königsrute. Fünfzehn alte sächsische Fuß misst die sächsische Feldmesserrute. 1872 wurde in Deutschland das metrische System verbindlich. Und im gleichen Jahr vermaßen die Feldmesser die Großenhainer Grundlinie als Basis für die Königlich-Sächsische Triangulation.
Aber bleiben wir ruhig noch etwas bei den Maßen des Mittelalters. In "Großenhainer Pflege – Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Großenhain und Radeburg" von Dietrich Hanspach / Haik Thomas Porada finden wir ein Verzeichnis der historischen Maße. Dort lesen wir, daß die Hufengröße von ca. 15 ha bei Bieberach bis ca. 51 ha bei Linz schwankte. Gehen wir davon aus, daß der Hufen eine Bauernfamilie ernähren können sollte, schließen wir daraus, daß der Boden bei Bieberach am ertragreichsten gewesen sein müßte, bei Linz entsprechend weniger. Der "Scheffel" war damals sowohl ein Maß für die Fläche, die man mit einem Scheffel (diesmal als Hohlmaß) Saatgut besäen konnte, andererseits eben ein Volumenmaß für Schüttgut (meist Getreide), das regional und je nach Zeit sehr verschieden groß war. Bei uns galt sicher der Hayner Scheffel, der 1205 erstmals urkundlich erwähnt wurde, was auch als Ersterwähnung von Großenhain gilt. Bitte klick dazu mal hier zum Artikel von Joachim Neumann zu den Querelen um die 1000-Jahrfeier Großenhains, die schon 1954 begangen wurde!!!
Klick hier für eine Übersicht über alte sächsische Maße, die unter August dem Starken Anfang 18. Jhd. für Sachsen vereinheitlicht wurden. Und hier ein toller Mittelalter-Rechner für die Umrechnung verschiedenster Maße. Trotzdem kann man, weil es regional und zeitlich so verschieden war, nie genau sagen, wieviel Bier z.B. Tammo abends konsumierte, wenn irgendwo steht, es waren zwei Kannen (ca. 1,87 l). Oder wenn er sich vom Kreuzzug ein paar Unzen orientalischer Gewürze mitgebracht hatte. Da hatten seine Küchenfrauen aufregende Geschmackserlebnisse! Und fragten ihn Löcher in den Bauch, wozu und wieviel davon was zu gebrauchen ist. Da haben sie sicher ganz schön experimentiert, Schweinebraten mit Zimt usw. Video Elke das KräuterweibleinDenn mit den Kreuzzügen begann auch eine neue Blüte des Gewürzhandels: die Eroberer brachten Zimt, Muskatnuß, Muskatblüte, Koriander, Rosen- und Orangenwasser sowie Mandeln mit. Venedig wurde der Importhafen für ganz Europa. In Das Gewürzlexikon lesen wir, welche fremdländischen Gewürze damals auf welchen Wegen zu uns kamen und welche Arznei- und Gewürzpflanzen hier angebaut und gesammelt wurden. Video Die KräuterhexeSicher kannte man die Heilmittellehre der Äbtissin Hildegard von Bingen (etwa 1098 - 1179). Video Hildegard von BingenHeute gehört die Klostermedizin zum Welterbe. Und wer kein Geld oder Vertrauen in die teuren Medici hatte, der ging eben zum Schönfelder Kräuterweiblein. Das konnte Mensch und Tier oft besser helfen. Ob es das heute noch gibt? Wer weiß. Jedenfalls war es sehr hilfreich bei Verletzungen, Krankheiten, Seuchen, wenn man die desinfizierende und antibiotische Wirkung z.B. von Thymian, Bärlauch, Kapuzinerkresse, Salbei, Kamille, Knoblauch, Zwiebel, Meerrettich, Gewürznelken nutzen konnte. Ja und wenn Tammo mal überraschend zu den feinen Herrschaften nach Meißen reiten mußte, konnte er unterwegs gegen den Knoblauchgeruch auf einer seiner von den Mamelucken erbeuteten Gewürznelken oder Zimtstangen herumkauen (Scherz). Geruchsempfindlich durfte man damals jedenfalls nicht sein. Auch auf den Burgen war es mit der Hygiene nicht weit her.
Aber nochmal zurück zu den alten Maßen. Die spielten bei Tausch und Handel natürlich eine große Rolle. Man mußte sich auskennen und es mußte überwacht werden! Das Marktrecht war im Mittelalter die Gerechtsame, also das Recht, einen ständigen Markt abzuhalten.Video Marktgericht Der dafür bestimmte Platz stand dann unter Marktfrieden, also einem besonderen, für den Markt und seine Besucher geltenden Recht, und wurde vom Marktherrn (König, Fürst, Graf, Bischof) geschützt. Für die städtische Wirtschaft war dieses Privileg von entscheidender Bedeutung. Im 12. Jahrhundert ging dieses Regal (Hoheits- und Sonderrecht) vom König auf geistliche und weltliche Fürsten über. Für die Einhaltung des Marktfriedens (Königsfrieden) waren eigene Marktgerichte zuständig. Streitigkeiten aus dem Marktverkehr wurden an Ort und Stelle entschieden. Der Marktherr garantierte die Freiheit des Handelsverkehrs sowie die Sicherheit der Wege. Außerdem erleichterte er den Handel durch Einrichtung von Münzen. Als Entgelt erhob er von den Verkäufern einen Marktzoll. Übrigens konnte die Marktgerechtigkeit auch Dörfern übertragen werden! Das waren sogenannte Marktflecken. In heutigen Ortsnamen, wie Marktoberdorf oder Flecken Zechlin, ist das noch erkennbar. Ein Flecken bildete für die umliegenden Dörfer einen Mittelpunkt und nahm zentralörtliche Funktionen wahr. Wenn man so will, könnte man "Flecken Schönfeld" anstelle "erfüllende Gemeinde Schönfeld" sagen. Das war aber eher in Norddeutschland üblich.
Etwas zur Dorfordnung
Auszüge aus Wikipedia: Die Dorfordnung regelte früher das Zusammenleben der Gemeindemitglieder, die Rechte und Pflichten der Bauern und zumeist auch die der Einwohner ohne Ackerland (Seldner, Gärtner, Kötter, Häusler), soweit sie gemeindeberechtigt waren. Hausgenossen und Gesinde standen unter der Munt (Vormundschaft) des Hausherrn.
Um 1300 war die bäuerliche Kolonisation des 12./13. Jahrhunderts in Sachsen abgeschlossen. Jeder Bauer (Hufner) erhielt eine ganze oder eine halbe Hufe in der neuen Siedlung; besitzlose bäuerliche Unterschichten gab es noch nicht. Grund- oder Dorfherrn setzten die Dorfordnung fest und gewährten eine weitgehende Selbstverwaltung zur Regelung des dörflichen Lebens. Video Bauernleben früherEine geordnete Flurnutzung durch Ackerbau und Viehweide im Rahmen der Dreifelderwirtschaft und die ordentliche Nutzung der Allmende war Aufgabe der Gemeinde. Das im Dorfgericht angewandte Recht war dörfliches Gewohnheitsrecht; das wird in der Bezeichnung Dorfrügen deutlich: Rügen sind nicht nur „gerichtliche Anklagen“ oder „Anzeigen“, sondern auch Auskünfte über Rechtsgewohnheiten, die u. a. bei den Jahrgerichten von einzelnen Dorfgenossen in formelhafter Rede erteilt wurden. Es war eine Art Volksgerichtsbarkeit, bei der der Angeklagte nicht bestraft, sondern „gerügt“ bzw. verspottet wurde, so dass er aus Scham vor dem Gelächter der Gemeinde sein angeprangertes Verhalten, zumeist ein Normverstoß gegen Herkommen und Sitte, ablegte. Neben diesen eher scherzhaften Formen des Rügegerichts gab es auch drastischere Formen, z. B. das Scheren, Entkleiden und Wassertauchen.
Die mündlich tradierten Vorschriften wurden seit dem späten 15. Jahrhundert schriftlich festgehalten, so in der ältesten schriftlich bekannten Dorfordnung des sächsischen Dorfes Kötzschenbroda von 1497, deren Aufschreiber Thanneberg die „Marktgerechtigkeit“, den „freien Weinschank“, die „Freiheit, Handel und Gewerbe zu treiben“ und das Recht des „Holzlesens“ und des „Streuholens im Wald“ für die Nachwelt festhielt. Video Säen mit der HandDie Ordnungen waren auf die besonderen Verhältnisse eines Dorfes abgestimmt und bieten heute der Forschung eine gute Sicht auf das Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsleben. Die auch Bauernrolle oder Bauernkodex genannten Vorschriftensammlungen der Dorfordnungen, in manchen Gegenden auch Dorfrügen genannt, wurden ein- bis viermal jährlich auf den Ruggerichtstagen öffentlich vorgelesen. Die Satzungen wurden im Laufe der Zeit immer wieder den sich ändernden Verhältnissen angepasst und neu durch die Dorfherrschaft bestätigt. Im Hoch- und Spätmittelalter gab es eine außerordentliche Vielfalt von Gerichtszuständigkeiten in persönlicher, örtlicher und sachlicher Hinsicht, die sich vom frühen 10. bis zum späten 15. Jahrhundert stark veränderten.
Video Konservieren früher Die überkommene Zuständigkeit der Gemeinde war seit dem späten Mittelalter auf die Regelung der Flurnutzung und des dörflichen Lebens beschränkt, wozu auch die Fürsorge für Alte, Arme und Waisenkinder gehörte, sowie die Bestattung von Leichen, die Verwaltung von Gemeindegeldern und der Feuerschutz. Dafür erhielt sie ortspolizeiliche Aufgaben.
Als Folge der Bevölkerungszunahme und der nicht gestatteten Teilung der Güter entstanden in vielen Dörfern unterbäuerliche Schichten, mündige Bauernsöhne, Gärtner und Häusler beispielsweise, denen die Altgemeinde die Teilnahme an der Flurnutzung verwehrte. Bis zur Landgemeindeordnung von 1838, die die Dorfordnungen ablöste, blieben die Spannungen erhalten.
Mehr zu Recht im Mittelalter
Schwabenspiegel in www.historisches-lexikon-bayerns.de Es war damals keine rechtsfreie Zeit! Fast alles war durch kirchliche und weltliche Vorschriften geregelt, die auf Herkommen und Gewohnheit beruhten, z.T. noch aus germanischer Zeit. Der Sachsenspiegel, um 1220 von Eike von Repkow verfaßt (wir haben ihn weiter oben schon kennengelernt), enthält z.B. das Gewohnheitsrecht des sächsischen Stammes. Der Schwabenspiegel (um 1270) stellt eine Rechtssammlung des süddeutschen germanischen Rechts dar und war vom Sachsenspiegel beeinflußt. Als schriftliche "Gesetze" im übertragenen Sinne kann man im dörflichen Bereich die Weistümer ansehen. Video: Das Weistum von Wetter Weistümer sind eine ursprünglich mündlich vorgetragene Auflistung der Rechte und Pflichten sowohl der Herrschaft als auch der dörflichen "Untertanen". Dieses durch Übung innerhalb einer Gemeinschaft entstandene Gewohnheitsrecht wurde später aufgeschrieben und jährlich einmal öffentlich verlesen (gewiesen). Das in einem Rechtsfall anzuwendende Recht musste von den Schöffen (mhd. schaffen „gestalten“, „anordnen“) aus dem überkommenen Recht „geschöpft“ (= entnommen) und „gewiesen“ werden.
Dieses dörfliche Recht gehörte zur Niederen Gerichtsbarkeit. Video: Dorfrichter AdamDa ging es um kleinere Delikte und kleinere Geld- oder Leibstrafen. Gerichtsherren waren die Herren der Städte, Dörfer und Güter, also Stadträte, Adlige, Geistliche, Beamte. Diese konnten Richter auch einsetzen (Erbrichter oder Setzrichter) und diese standen dann dem Schöffengericht vor. Über die Schöffen wirkte die Gemeinde an der Rechtssprechung mit. Die Folter, schwere Leibstrafen und die Todesstrafe waren nicht erlaubt. Die niedere Gerichtsbarkeit war ebenfalls für das Erbrecht, Grenzstreitigkeiten sowie die Registrierung und Überwachung von Verkäufen zuständig. Dieses Recht hat die Schönfelder Herrschaft sicherlich lange Zeit selbst über ihre Untertanen ausgeübt.
Die Hohe Gerichtsbarkeit, auch Blut- oder peinliche Gerichtsbarkeit (lateinisch poena = Strafe) war für schwere Delikte zuständig, die entspr. "blutige" Strafen nach sich zogen. Dieses Recht verlieh der König ausgewählten Gerichtsorten. Das waren auch die freien Reichsstädte. In Meißen hatte zuerst der Burggraf (Beamter des Königs), später der Markgraf dieses Recht. Ein uraltes Steinkreuz an der Schlossbrücke im Bereich der ehemaligen Burggrafenburg bezeichnet die Stelle, an der Gericht über Leben und Tod gehalten wurde (sog. Brückengerichte). Später stand der Rote Turm als Symbol für die Hohe Gerichtsbarkeit. Dort hielt der Markgraf Gericht und ließ z.B. 1407 den Zwickauer Bürgermeister und drei seiner Ratsherren zum Tode verurteilen und zum Unmut des Burggrafen auf der Richtstätte in dessen Bereich an der Mauer des Rondells enthaupten. Ein Sühnekreuz und die Geschichtsseiten des Burgkellers und der Evangelischen Akademie erinnern daran.
www.suehnekreuz.de Übrigens: Es gab zwar auch Kirchengerichte, aber nach dem Rechtssatz ecclesia non sitit sanguinem (lat. die Kirche dürstet nicht nach Blut) war es im Mittelalter Geistlichen nicht gestattet, die Blutgerichtsbarkeit auszuüben oder daran teilzunehmen. Es handelt sich um einen frühchristlichen Grundsatz, der die ablehnende Haltung der Kirche gegenüber der Todesstrafe ausdrückte (was wohl auf das Gebot "Du sollst nicht töten" zurückzuführen sein dürfte). Später (Inquisition) wurde der Grundsatz jedoch umgangen, indem man Personen, die von kirchlichen Gerichten als in schwerem Ausmaß für schuldig befunden worden waren, der weltlichen Gerichtsbarkeit (weltlicher Arm) übergab, die dann urteilte und vollstreckte. Ursprünglich besagte der Grundsatz möglicherweise, dass die christliche Religion nicht durch Gewalt verbreitet werden sollte. Dazu paßt auch, daß in den christlich-katholischen Gebieten nördlich der Alpen im Hochmittelalter die Sklaverei fast verschwunden war, da es seit der Zeit Karls des Großen Christen ausdrücklich verboten war, andere Christen als Sklaven zu verkaufen oder zu erwerben. Aber auch das wurde vielfach umgangen. Noch unter Heinrich I. (928/29) wurden insbesondere Frauen und Kinder als wichtiges „Handelsgut“ aus dem ottonischen Reich an das muslimische Spanien verkauft. Bis ins 12. Jahrhundert fanden „Sklavenjagden“ statt, bei denen die Sachsen die benachbarten Slawen überfielen, ausplünderten und in die Sklaverei verschleppten. Es gab außerdem Unfreie, Leibeigene und Hörige, die faktisch wie Sklaven lebten. Aber das ist wieder ein Thema für sich.
Etwas zum Gottesurteil, Quelle: Recht im Mittelalter von Stefan Grathoff (Auszüge)
Video: monty python Gottesurteil deutsch Video: monty python ordeal english Wenn Gerichte kein Urteil sprechen konnten oder wollten oder der/die Beklagte Beschuldigung oder Urteil ablehnte, konnte ein Gottesurteil angerufen werden. In einer Zeit ohne Polizei, Anwälte, Rechtsmediziner, unabhängige Richter, mit mangelhafter Beweislage kam das öfter vor. Es gibt ja auch heute aus diesen oder jenen Gründen leider noch genug Fehlurteile und man sagt nicht umsonst: "Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand". Damals war man überzeugt, daß die göttliche Gerechtigkeit den Schuldigen kennzeichnen und dem Unschuldigen beistehen würde. Mittel dazu waren der einfache Losentscheid oder ein gerichtlicher Zweikampf zwischen Kläger und Beklagtem (später auch durch bezahlte Kämpfer); das Gehen über glühende Kohlen oder Eisenstücke - blieb man unversehrt, war man schuldlos; wurde man gefesselt ins Wasser geworfen und ging unter (wurde vom "reinen Wasser" behalten), war man unschuldig (aber oftmals ertrunken), kam man wieder hoch, war man schuldig; begannen die Wunden des Ermordeten zu bluten angesichts des Angeklagten, war er schuldig; konnte man aus einem Kessel siedenden Wassers einen Ring oder dergleichen fischen ohne Verletzungen, war man unschuldig.
Jeder Ritter hatte das Recht, Verleumdungen und schwere Beschuldigungen durch Anrufung des Gottesgerichtes zurückzuweisen. In feierlicher Form wurden dann vor Zeugen die Bedingungen des Kampfes festgelegt. Kranke und kampfuntüchtige Ritter konnten ebenso wie adlige Frauen einen Vertreter bestimmen. Am Kampftag, meist ein Dienstag, besuchte man am frühen Morgen die Messe und stellte sich bei Anbruch des Tages zum Kampf. Bei schweren Verbrechen war der Scheiterhaufen schon errichtet. Auch angeklagte Frauen mußten damit rechnen, sofort hingerichtet zu werden, wenn ihr Kämpfer unterlag. Video: Das große RitterturnierVor dem Kampf schworen beide Kämpfer auf ein Kreuz oder eine Reliquie, daß ihre Aussage der Richtigkeit entsprach. Zuerst sprengten die Reiter mit eingelegter Lanze aufeinander zu. Brachte dieser Tjost keinen Sieger hervor, setzte man den Kampf zu Fuß mit dem Schwert so lange fort, bis einer von beiden kampfunfähig war. Wurde die Klägerpartei besiegt, galt die Unschuld der anderen als erwiesen. Den Kläger traf nun die gleiche Strafe, die dem Beschuldigten im Falle seiner Niederlage gedroht hatte. Wer sich als Ritter in den Zweikampf einmischte und einer Partei half, riskierte, Hand oder Fuß zu verlieren. Nichtadeligen Störenfrieden drohte sogar der Tod. Video: Bremer Gottesurteil Erschien eine der Parteien nicht zum Kampf, wartete man bis 3 Uhr am Nachmittag auf ihr Erscheinen. Dann bekam der Anwesende vom Richter das Recht zugesprochen und der Streit war entschieden, ohne daß Blut floß. Die Gottesurteile wurden seit etwa 1200 von der Kirche kritisiert, da sie als "Versuchung Gottes" interpretiert wurden. Heutzutage haben wir dafür das Elfmeterschießen (Scherz).
Etwas zur Fehde, hauptsächliche Quelle: Fehde von Stefan Grathoff (Auszüge)
Alle freien Männer ritterlichen Standes hatten noch eine andere Möglichkeit, sich ihr Recht zu verschaffen: Die Fehde (mittelhochdeutsch vehede, althochdeutsch fehida = Feindschaft, Streit), eine Form geregelter Selbstjustiz. Bauern, Stadtbewohner, Kleriker, Juden und Frauen waren davon ausgeschlossen. Im späten Mittelalter konnten sich auch Städte mit dem umwohnenden Adel oder dem Landesherrn befehden. Die Städte, die häufig in Fehden verwickelt waren, mussten regelrechte Verzeichnisse von Fehdebriefen führen, um nicht die Übersicht zu verlieren. Ritterfehden wurden meist in Form eines Kleinkrieges (Kleine Reiterei) als zerstörerische Raubzüge ausgetragen. Nur während der großen Fehden zwischen Städten und Ritterbünden kam es zu verheerenden Schlachten. Der Fehdegrund sollte zwar allgemein anerkannt sein, aber es genügte schon eine Niederlage im Turnier, eine Ehrverletzung oder wenn ein Rechtsstreit nicht wie gewünscht verlief. Man versuchte, den Gegner zum Nachgeben zu zwingen, indem man ihm möglichst großen Schaden an Besitz, Leib und Leben zufügte bis hin zur Erstürmung und Schleifung seiner Burg, wobei deren Wegnahme nicht erlaubt war. Wikipedia: Fehdebrief Eine "rechte Fehde" begann mit einer förmlichen "Absage" (Aufkündigung der Freundschaft gewissermaßen), meist ein Fehdebrief, der oft auf der Spitze einer Lanze überbracht wurde. Eine Absage mittels Fehdehandschuh war eher selten, wahrscheinlich manchmal als spontane Handlung bei direkter Beleidigung oder Kränkung. Video: Fehde Daum gegen Hoeneß Wurden die Regeln verletzt, z.B. durch fehlende Absage, Überfälle auf Klöster, Kaufleute, andere Unbeteiligte usw., konnte vor der Landfriedensversammlung (Fürsten, Ritterschaft, Städte) geklagt werden. Diese konnte eine "unrechte Fehde" und Landfriedensbruch feststellen und den Störenfried zum "landschädlichen Herrn" erklären. Dann gingen die Landfriedenstruppen gegen ihn vor und konnten ihm auch seine Burg wegnehmen. Der König vergab sie meist erneut als Lehen an treue Vasallen. Dem König und seinen Fürsten war die Fehde eher ein Dorn im Auge, da sie ihre Rechtshoheit gefährdete und die Wirtschaft störte. Sie verhängten Fehdeverbote, die nicht viel nutzten. Die Kirche predigte seit dem 10. Jhd. den Gottesfrieden ohne großen Erfolg. So nutzten die Fürsten seit dem 14. Jhd. die Landfriedenspolitik dazu, den unliebsamen Streithanseln wegen unrechter Fehden ihren Besitz wegzunehmen. Erst 1495 ließ Kaiser Maximilian I. (1486-1519) einen unbeschränkten für das ganze Land geltenden Ewigen Landfrieden ausrufen.
Ritter Tammo konnte sich 1216 also noch ziemlich freizügig in Fehden einlassen. Hatte da hin und wieder ein Fehdebrief am Burgtor geprangt oder sprengte einer seiner Getreuen mit dem Fehdebrief an der Lanzenspitze aus Schönfeld hinaus zu einem der Nachbarritter? Wir wüßten es gern. Man konnte zwar auch damals schon mit Geld, Verhandlungsgeschick, Heiratspolitik und über Gerichte vieles regeln, aber der Gewalt muß man auch was entgegensetzen können! Sonst schafft die sich ihr Recht. Wie kampfstark waren Tammo und seine Mannen? Auch das hängt ja u.a. von der Wirtschaftskraft ab. Waffen, Ausrüstung, Pferde, Mitstreiter kosten was, eine Fehde muß man sich leisten können. Weiter oben war schon von Königsbrück die Rede. Grenzfeste und seit 1331 Stadt, war Königsbrück vor 1350 in den Besitz der Schönfelder Herren geraten, womöglich durch Verpfändung, und sie wollten Königsbrück an den Meißner Markgrafen verkaufen! Das deutet einerseits auf die wirtschaftliche Stärke der (damaligen) Schönfelder hin, aber andererseits donnerte 1350 in aller Frühe ein Bote aus Bautzen mit blutigem Schwert ans Burgtor und verkündete die Fehde. Oder überreichte auf der Lanzenspitze den Fehdebrief. Oder kamen die Kriegsknechte des Oberlausitzer Sechsstädtebundes einfach die Via Regia entlanggezogen und umzingelten Burg Schönfeld? Die städtischen Pfeffersäcke hielten wohl wenig von ritterlichem Gehabe, aber eine regelkonforme Fehdeabsage gab es bestimmt. Denn immerhin drangen sie aus dem böhmischen in das Gebiet der Mark Meißen ein! Wie hat sich wohl dazu der Markgraf verhalten? Das war seit 1349 der 18-jährige Friedrich III. der Strenge, der gleichzeitig auch Landgraf von Thüringen war. Jedenfalls kam Königsbrück dadurch wieder zu Böhmen zurück. Es war sicher eine teure Schlappe für die Schönfelder Herrschaft, denn die Bautzener haben sich als Sieger bestimmt die Kosten der Unternehmung und mehr erstatten lassen.
Wie endete eine Fehde eigentlich? Der Unterlegene mußte Urfehde (= Unfehde) schwören, auf Rache verzichten und die Bedingungen des Siegers erfüllen. Die Fehde konnte auch vorzeitig durch Friedenseid und Ausgleich beendet werden.
Zwei berühmte sächsische Fehden seien hier erwähnt: Video: Der Fall Kunz von KauffungenZum einen der Prinzenraub zu Altenburg. Ritter Kunz von Kauffungen fühlte sich vom sächsischen Kurfürsten um seinen Kriegslohn betrogen. Nach Abschicken des Fehdebriefs entführte er 1455 die Prinzen Ernst und Albrecht (14 und 11) aus dem Altenburger Schloss. Diese wurden schnell befreit und Kunz in Freiberg der Prozeß gemacht. Video: Die Rabenbrüder Sein Fehdebrief war angeblich zu spät eingetroffen. Eine Woche nach der Entführung wurde er auf dem Freiberger Marktplatz mit dem Schwert enthauptet. Die Stelle, zu der der abgeschlagene Kopf gerollt sein soll, ist heute noch mit einem schwarzen Pflasterstein gekennzeichnet. Die Augen des steinernen Gaffkopfes am Rathauserker sind auf diese Stelle gerichtet.
Zum anderen der Fall des Bürgers und Kaufmanns Hans Kohlhase aus Cölln an der Spree (heute Teil Berlins). Oder des Roßkamms (Pferdehändler) Michael Kohlhaas. Der Erstere ist die tatsächliche historische Person, der zweite die Hauptfigur der berühmten Novelle von Heinrich von Kleist von 1810. Hans Kohlhase wollte 1532 zur Leipziger Herbstmesse und geriet im Dorf Wellaune (heute Bad Düben) mit dem Junker Günther von Zaschwitz aneinander. Der warf ihm wohl Pferdediebstahl vor und beschlagnahmte zwei Pferde. Nach Rückkehr aus Leipzig verlangte Kohlhase unter Vorlage eines Empfehlungsschreibens die Rückgabe. Der Junker wollte aber die Futterkosten bezahlt haben, was Kohlhase verweigerte und darauf ohne Pferde abziehen mußte. Nun kam es zum Rechtsstreit in Sachsen auf Vermittlung des brandenburgischen Kurfürsten, der trotz des Entgegenkommens des Kohlhase wegen der Sturheit des Junkers zu keiner Entschädigung führte. Kohlhase hatte zwar seine Pferde zurück, aber so heruntergekommen, daß eines einen Tag später starb. Februar 1534 brachte Kohlhase dann einen Fehdebrief gegen den Junker von Zaschwitz und das ganze Land Sachsen in Umlauf. 1495 hatte der Kaiser ja den Ewigen Landfrieden verkündet. Video: Hinrichtung des Kaufmanns Hans Kohlhase Der sächsische Kurfürst reagierte wegen Landfriedensbruchs sofort mit Fahndung und Rechtshilfeersuchen an den brandenburgischen Kurfürsten. Der sah keinen Handlungsbedarf. In Jüterbog kam es nochmal im Dezember 1534 zu einem Rechtstag und einem Vergleich mit den Erben des kurz vorher verstorbenen Junkers. Diesen annullierte der sächsische Kurfürst und ließ wieder nach Kohlhase fahnden. Nun versuchte auch Martin Luther zu vermitteln und Kohlhase von Gewalttaten abzuhalten. Dieser setzte seine Fehde jedoch in der Gegend zwischen Brandenburg und Wittenberg bis 1539 fort, hatte sogar zeitweise einen brandenburgischen Geleitbrief. Die größte Aktion war die Plünderung des Dorfes Marzahna (Treuenbrietzen) 1538 mit 35 Mann. Kohlhase legte sich vorwiegend mit den Reichen an und hatte hunderte Unterstützer und Mitstreiter in der Mark. Die Zeit war voller kämpferischer Sehnsucht nach einer sozial gerechten Welt (Bauernkrieg, Wiedertäufer, Wullenwever). Mit Erlaubnis Brandenburgs nahmen reisende sächsische Gerichte in der Gegend Verhaftungen, Folterungen und Exekutionen vor. Nach und nach wurden insgesamt über 300 Personen der Komplizenschaft mit Kohlhase verdächtigt und etwa 30 bis 40 hingerichtet. Trotzdem nahm der Widerstand dagegen zu. Auch der brandenburgische Kurfürst ließ ihn nun verfolgen. Anfang 1540 wurde er in Berlin ergriffen, wegen Landfriedensbruchs zum Tode verurteilt und mit seinen Freunden Georg Nagelschmidt und Thomas Meißner am 22. März 1540 auf dem Rabenstein, der Berliner Richtstätte vor den Toren der Stadt am heutigen Strausberger Platz gerädert. Video: Michael Kohlhaas - Der Rebell Die Gnade der Enthauptung mit dem Schwert lehnte er ab: "Gleiche Brüder - gleiche Kappen!"
Kleists Erzählung beruht auf dieser Geschichte, allerdings mit vielen literarischen Freiheiten, auch weil ihm nicht alle Quellen zugänglich waren. Spannende Unterhaltung für einige Stunden!
Mehr zu den Fehden der Schönfelder Herrschaft
Beschäftigen wir uns noch etwas mit dem schon erwähnten Konflikt mit dem Oberlausitzer Sechsstädtebund um 1350 herum. Dem ging eine wichtige Grenzziehung voraus, die Oberlausitzer Grenzurkunde. Sie bestimmte die Grenze zwischen der böhmischen Oberlausitz und dem Hochstift Meißen, welches faktisch im Bereich Stolpen-Bischofswerda damals Landesherr war. Die Grenzurkunde wurde 1241 auf dem Königstein (der wurde erst 1459 sächsisch) vom böhmischen König Wenzel I. unterzeichnet. Dieser übrigens stand damals unter Druck durch die in Mähren eingefallenen Mongolen. Und außerdem soll der Königstein durch diesen Akt damals zu seinem Namen gekommen sein. Wie dem auch sei, die Grenzziehung erfolgte zwischen 1213 und 1223 (also in Tammo´s Zeit) von einer Kommission, die aus ortskundigen Gefolgsleuten des Königs und des Bischofs bestand. Sie beritten, vermaßen und legten den Verlauf bis zum heutigen Elsterwerda fest. Ihre Ergebnisse legten die zwölf Kommissare in einem Protokoll vor. Dieses enthielt rund 100 Geländemerkmale. Am häufigsten werden Wasserläufe genannt, die die Grenzlinie über eine längere Strecke eindeutig definieren können. An zweiter Stelle folgen Berge und Hügel. Von Pulsnitz aus folgte sie dem gleichnamigen Flüßchen bis zur Mündung in die Schwarze Elster. Video: Oberlichtenau Sie verlief auch über den Keulenberg (damals mons radewicz = Radewitzberg). Nördlich der Linie Muskau - Ruhland sprechen wir heute eher von Niederlausitz, zu dieser evtl. später. Hier eine Karte, die die Mark Lausitz zwischen 1150 und 1250 als brandenburgischen Besitz (ca. 1253 - 1319) zeigt. Man sieht auch den Besitz des Bistums (Hochstift) Meißen. Damit war eigentlich auch für die Schönfelder Herren die übergeordnete Gebietszuordnung klar. Konnten lokale Herrschaften (und die Schönfelder soll ja eine gewisse Eigenständigkeit erworben haben) Besitz in verschiedenen Reichsteilen gehabt haben? Das erscheint mit dem Lehnswesen kaum vereinbar, denn dann wäre man ja auch Vasall verschiedener Lehnsherren gewesen. Es sei denn, sie hätten es als Allod (freies vererbliches Grundeigentum) in Besitz gehabt. Oder wollten die Schönfelder höher hinaus zu z.B. einer eigenen Grafschaft, die konnte ja sogar reichsunmittelbar sein? Da lesen wir zur Geschichte der Oberlausitz auf www.dresden-und-sachsen.de:
"Video: Bautzen Die Oberlausitz war wie Mähren, Schlesien und die Niederlausitz ein selbstständiges Kronland Böhmens. Die Städte wachten sehr eifersüchtig über die Eigenständigkeit und Integrität des Oberlausitzer Territoriums. So verhinderte Bautzen im Jahr 1351 - unter Gewaltanwendung - den von den Herren von Schönfeld geplanten Verkauf von Königsbrück an den Markgrafen von Meißen. Karl IV. befürwortete dieses energische Vorgehen. Allerdings hatte sich die Stadt hierdurch eine Fehde mit den Herren von Schönfeld eingehandelt, die erst 1355 endete, als die Oberlausitzer Städte den Sitz derer von Schönfeld bei Königsbrück zerstörten. Pokal des Sechsstädtebundes Auch den Verkauf von Hoyerswerda an den Brandenburger Grafen Schwarzburg-Spremberg durch die Herren von Schönfeld konnten die Städte, mit Unterstützung Karls IV., durch einen Rückkauf verhindern. Ebenso unterbanden sie im Jahr 1405 den Verkauf des Kamenzer Schlosses an den Meißner Markgrafen. Noch während eines diesbezüglichen Konvents der Städte in Löbau besetzten die Kamenzer Bürger kurzerhand das Schloss."
Das ist ja interessant! Schönfeld lag also tatsächlich bis 1355 mit Bautzen in Fehde. Der 1355 zerstörte Sitz derer von Schönfeld bei Königsbrück - das könnte die hölzerne Grenzfeste an Stelle des heutigen Schlosses Königsbrück gewesen sein. Video: Königsbrück Vielleicht ist hier aber "bei Königsbrück" auch weitergefaßt zu verstehen als die Wasserburg im heutigen Schönfeld, die ja auch belagert wurde, allerdings eigentlich schon 1350. Und Hoyerswerda hatten sie offenbar auch in Besitz, da sie es an einen Brandenburger Grafen verkaufen wollten! Es wird auch noch der geplante Verkauf des Kamenzer Schlosses an den Meißner Markgrafen und dessen Besetzung durch Kamenzer Bürger 1405 erwähnt. Video: Kamenz Was das mit Schönfeld zu tun hat, ist unklar. Wohnten die mächtigen Kamenzer Herren in ihrem Schloß (Burg) etwa nur zur Miete, weil es an die Schönfelder verpfändet war? Noch heute werden Immobilien gerne zu Geld gemacht und der Eigentümer will dann oft nicht so wie andere Betroffene es wollen. Aber vielleicht waren es die Kamenzer Herren selber, die den Verkauf an Meißen betrieben, denn Kamenz war seit 1319 freie Stadt, die direkt dem König unterstand und Burg und Burglehen mittendrin, wo offenbar ein Vasall der Kamenzer Herren saß, waren der Bürgerschaft ein Dorn im Auge. In der Kamenzer Historie wird nur die Blutnacht von 1409 erwähnt, als die Bürger die in der Stadt liegende Burg stürmten und etliche Adlige erschlugen wegen der ständigen Übergriffe. Außerdem war durch Todesfall und Erbgang schon um 1400 die halbe Schönfelder Herrschaft an die Familie von Köckritz gegangen. Siehe Geschichte des Schlosses Schönfeld Jan de Schonfeld wird 1413 als letzter Besitzer aus dem Geschlecht der Schönfeld genannt. Die Herrschaft des namensgebenden Geschlechtes auf Schönfeld erlischt schließlich 1421.
Immerhin scheint die Schönfelder Herrschaft bis dahin eine bedeutende Rolle gespielt zu haben, einige der Herren waren die rechte Hand des Markgrafen! Ein anderer Gedanke drängt sich auf ...
In der Geschichte des Sechsstädtebundes lesen wir zur Gründung 1346: "Er fungierte als Schutz- und Trutzbund für die Sicherung der Handelswege und dem Ausbau politischer Macht gegenüber dem zu Raubrittern verkommenen Adel." Adlige Raubritter also? Das war wohl die Sicht der Sechsstädte-Bürger und ihres Landesherrn. Man muß sich den Schuh ja nicht anziehen. Den Begriff Raubritter gab es damals noch gar nicht. Das Rauben, Brandschatzen, Plündern, Besetzen, Schleifen, Requirieren, Vertreiben, Verschleppen usw. gehörte zu Fehden und Kriegen, die damals alltäglich waren. In der Geschichtsseite des Traumschlosses lesen wir: "Für fast sieben Jahrzehnte (nach ca. 1240) fehlen die Quellen über Burg und Dorf Schönfeld. Möglich, daß sie bei den heftigen Kämpfen im Meißner Land in den Jahren 1292 bis 1318 verloren gingen." Auch die Schönfelder Herren waren wohl in der einen oder anderen Weise immer beteiligt. Sei es um sich zu verteidigen oder als Gefolgsleute oder um eigene Interessen durchzusetzen. Eigenmächtige Aktionen der Ritter nahmen sicher immer dann überhand, wenn die übergeordnete Macht schwächelte oder handlungsunfähig war. Das war in der Mark Meißen zeitweise schon so. Video: Idagrotte/Frienstein Ein bekanntes Beispiel für das Raubrittertum im Sächsischen sind die Berka von Dubá. Sie saßen zwischen 1350 und 1450 auf etlichen Burgen der Sächsischen Schweiz (Hohnstein, Wildenstein, Rathen, Falkenstein, Frienstein, Rauschenstein, Schrammstein, Hockstein, Goßdorfer Raubschloß ...) und überfielen im 15. Jhd. zunehmend Kaufleute und Dörfer. Es muß für die Handelsreisenden schon gräulich gewesen sein auf dem Weg durch diese Wildnis, wo auf fast jedem exponierten Felsen so ein Schnapphahn lauerte. Und wenn sie den Berken glücklich entkommen waren, so waren da auch noch der Wartenberger auf dem Arnstein und der geheimnisvolle Recke vom Winterstein! Video: Auf der Burg des Recken Video: Hockstein Also verbündeten sich Kurfürstentum Sachsen und Sechsstädtebund und belagerten 1425 erstmals die Burg Wildenstein und hatten bis 1451 mit den Raubrittern aufgeräumt. Das ganze hatte auch etwas mit dem Niedergang des Rittertums im 14./15. Jhd. zu tun. Was die Schönfelder Herren betrifft, wüßten wir schon gern, welche Kämpfe sie noch so zur Sicherung oder Erweiterung ihrer Herrschaft geführt haben.
Vom Schraden und dem "Froschland", hauptsächliche Quelle (Auszüge): Wikipedia
Eine damals wilde, kaum erschlossene Landschaft voller Sümpfe und Wälder war der Schraden - die Gegend der Pulsnitzniederung zwischen Elsterwerda und Ortrand, im Süden begrenzt von den Grödener/Kmehlener Bergen, nördlich von der Schwarzen Elster. Video: Der Schraden Die Gegend ähnelte dem Spreewald, sie galt als eine ungeheure Holz- und Wildbretkammer und war wegen der Niedermoore schwer zugänglich. Deswegen versteckten sich die Dorfleute dort gern vor durchziehenden Kriegshaufen. So soll z.B. dem Elsterwerdaer Bürgermeister Nagel, der sich mit den Elsterwerdaer Bürgern im Schradenwald zu verbergen suchte, durch schwedische Truppen ein ähnliches Schicksal bereitet worden sein wie dem Bürgermeister Borßdorff aus Liebenwerda, welcher 1634 ergriffen und an Pferde gebunden bei Zeischa zu Tode geschleift wurde. Übrigens sind bei Ausgrabungen bei Elsterwerda Siedlungsüberreste entdeckt worden, die auf den germanischen Stamm der Semnonen schließen lassen (3. bis 5. Jhd.). Zu den Funden gehören ein Langhaus, nach Norden ausgerichtete Pfostenhäuser und nach Westen ausgerichtete Grubenhäuser. Die Germanen waren auf die Eisenverhüttung spezialisiert und verarbeiteten den in der Gegend vorkommenden Raseneisenstein. Belegt wurde dies durch die Ausgrabung eines Verhüttungsfeldes mit fast 200 Eisenschmelzöfen, den so genannten Rennfeueröfen, sowie Kohlemeilern und Arbeitsgruben. Das stützt die weiter oben angestellte Vermutung, daß Eisen und Holzkohle für den Schönfelder Schmied auch in Tammo´s Zeit aus dieser Gegend gekommen sein könnte. Es war ja immer noch reich an Holz und Raseneisenstein.
Ab dem 10. Jhd. haben sich Slawen dort angesiedelt. Video: RBB unterwegs - Schradenland Hier hielt sich noch lange das Sorbische. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde in manchen Dörfern noch sorbisch gepredigt. Und bei Heimatfesten sieht man noch die Spintefrauen in ihrer Schradentracht. Erste Meliorationsvorhaben begannen im 16. Jhd. (Graben der Neuen Pulsnitz) und erfolgten besonders im 19. Jhd. Über den Elsterwerda-Grödel-Floßkanal wurden ab 1744 vom Holzhof Elsterwerda aus große Mengen Holz nach Dresden/Meißen befördert und der Waldbestand nahm ab.
Wie sah es nun dort zu Tammo´s Zeit aus? Eine alte Karte zeigt die Mark Meißen und die Lausitz um 1600 herum (beachte: Osten ist oben!). Der Schradenwald wird 1210 in einer Urkunde des Naumburger Bischofs Engelhard erstmals erwähnt, als dieser die Hälfte an den Meißener Markgrafen Dietrich abtrat. Während dieser Zeit erfolgte auch die erstmalige Erwähnung weiterer Orte der Niederung wie Elsterwerda (1211), Großkmehlen (1205) oder Hohenleipisch (1210). Die Meißner Landgrafen, denen es gelang, in diesem Gebiet eine eigene Landesherrschaft aufzubauen, trieben hier den Landesausbau voran und es begann die planmäßige Anlage von Dörfern durch angeworbene deutsche und slawische Siedler. Es entstanden die Städte Ortrand, Mückenberg (heute zu Lauchhammer) und Elsterwerda. Bild von Hans Nadler Anfang des 14. Jahrhunderts kam es zu Streitigkeiten zwischen dem meißnischen Markgrafen Friedrich I. und dem brandenburgischen Markgrafen Waldemar, in deren Folge Friedrich gefangen genommen wurde und er für seine Freiheit im Frieden zu Tangermünde 1312 die Mark Lausitz und auch die Herrschaften im Schraden an Brandenburg abgeben musste. 1370 war das Gebiet kurz böhmisch, 1372 wieder meißnisch. Es gelang dem Geschlecht der Köckritze ein weitgehend unabhängiges Herrschaftsgebiet aufzubauen, die spätere Elsterwerdaer Pflege. Die Ahnengeschichte des Schönfelder Rittergeschlechts beschreibt, wie nach 1400 deren Stammsitz u.a. auch an die Köckritze oder Köckeritze verloren geht. 1509 jedoch erschien Herzog Georg von Sachsen in Elsterwerda, um der Herrschaft der Köckritze ein Ende zu bereiten, nachdem diese den Hohenleipischer Pfarrer nach einem Streit in Raubritterart in seinem Haus überfallen und verschleppt hatten. Etliche Jahrzehnte blühte das Raubritterunwesen eben auch im Brandenburgischen. Das kann man gut in der Territorialgeschichte des Preußischen Staates nachlesen. Dort heißt es u.a.:
"Noch zu Joachim I. Zeiten (1499 bis 1535 Kurfürst) waren die Bürger so in Furcht vor nächtlicher Beraubung, daß der Spruch:
Behüt uns lieber Herre Gott
Vor Krachten und Itzenplitzen,
Vor Köckeritzen und Lüderitzen,
als Gebet bei ihnen gang und gebe war ..."
Bis 1815 blieb die Gegend sächsisch unter wechselnden lokalen Herren. Noch kurz vor der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 zog das 30.000 Mann zählende Korps der Schlesischen Armee des preußischen Generals von Blücher von Bautzen kommend durch den Schraden. In Merzdorf gab er Befehl, den Dorflehrer Pätz gefangen zu nehmen, und zwang ihn, ihm den Weg durch das sumpfige Gebiet zu zeigen. 1815 büßte Sachsen wegen seiner Vasallentreue zu Napoleon große Gebiete ein, darunter auch das Schradenland, das preußisch wurde.
Die Schönfelder Herrschaft hatte sicher wirtschaftliche Beziehungen zu dieser Gegend. Es war auch ein interessantes Jagdrevier. Man hat sich sicher auf die eine oder andere Weise mit den Nachbarherrschaften ins Benehmen gesetzt. Das könnten zuerst die Herren des Burgwards Strehla gewesen sein, deren Einfluß bis Ortrand reichte, dann die schon erwähnten Köckritze. Oberlehnsherr (nach dem König) war das Hochstift Naumburg, das wiederum den Markgrafen von Meißen belehnte und der seinerseits seine Vasallen, wobei z.B. Ortrand ab 1319 als Vogtei dem Amt Hayn angehörte.
Ach so - wieso Froschland? Schon im Mittelalter gab es etliche Wassermühlen in der Gegend. Video: Froschschenkel gebraten Deren Stauwerke behinderten den Wasserabfluß und führten zu Vernässung und Versumpfung ab Ortrand. Das Quaken der zahllosen Frösche wurde dadurch zu einer Besonderheit der Gegend. Video: cuisses de grenouille In der Ortrander Pflege soll es sogar noch bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts einen Froschjäger gegeben haben, der die umliegenden Küchen mit dem "Leckerbissen" versorgte. Wurde etwa auch die Schönfelder Küche mit dem Schradenfrosch bereichert? War wohl nicht nötig, denn die Fischer der Gegend lieferten sicher genügend Fisch- und Krebsgetier. Jedoch die Geschmäcker sind verschieden. Und Hunger ist der beste Koch. Manchesmal war eben Schmalhans Küchenmeister! Dann hing der Magen in den Kniekehlen. Wer wollte schon Kohldampf schieben. Oder am Hungertuch nagen. Kann man einem knusprig gebratenen zarten Froschschenkel widerstehen, wenn man richtig Knast hat? Oder einen Bärenhunger? Betrachten wir es als eine Anregung für einen historischen Grillabend. Der Hunger treibts rein. Wann hast Du denn eigentlich mal zuletzt Hunger gehabt? Unseren Vorfahren war er nicht fremd.
Von unseren Nachbarn - den Sorben, hauptsächliche Quelle (Auszüge): Wikipedia
Video: Ein Volk zwischen Märchen und Moderne Von ihnen war schon mehrfach die Rede. Es gehört sich einfach, ihnen ein eigenes Kapitel zu widmen. Denn sie waren eher hier als die "diutiscen" ostfränkischen Siedler. Sie haben genauso die Landschaft geprägt, an Grundherrn und Kirche gezinst, das Land Sachsen mit geformt. Ihre Sitten und Gebräuche blieben vielerorts erhalten. Video: Fastnacht Zampern Bei uns wird noch gezampert, Osterwasser geholt, werden Ostereier gerollt, manche(r) schaut bei der Feldarbeit in sommerlicher Hitze ängstlich nach der Mittagsfrau aus. Mancher fränkische Jüngling hat sein Herz an eine Sorbin verloren, manche sächsische Schöne sich in einen sorbischen Burschen verliebt. Video: Federnschleißen Zu Tammo´s Zeit war es ja eher ein friedliches Neben- und Miteinander im Interesse des Landesausbaus. Man lernte auch voneinander, z.B. von den Sorben die schon erwähnte Zeidlerei, die Waldbienenwirtschaft. Video: Fastnacht (Zapust) Drachhausen Wo kamen sie denn her? In römischer und fränkischer Zeit (bis ca. 9. Jhd.) war das Land von verschiedenen Stämmen und Stammesverbänden besiedelt, die man als germanisch bezeichnete. Wir wissen etwas darüber eigentlich fast nur aus Sicht der Römer, die sich ein Bild zu machen versuchten von diesen "nördlichen Barbaren", Begriffe prägten und schriftlich einiges aufzeichneten. Der Germanenbegriff ist bis heute umstritten. Immerhin gibt es als Bindeglied die Familie der germanischen Sprachen, die zur Westgruppe der indogermanischen Sprachen zählen. Video: Hahnrupfen in Burg Wir hatten schon gesehen, daß bei Elsterwerda Überreste von Semnonen-Siedlungen aus dem 3. - 5. Jhd. ausgegraben wurden. Sie rechnen wir heute zu den Elbgermanen. Diese Wikipedia-Karte zeigt das Siedlungsgebiet um 50 n. Chr. Während der Völkerwanderung zogen viele dieser Stämme Richtung Mittelmeer und es rückten im 6. Jhd. slawische Stämme aus den Gebieten nördlich der Karpaten zwischen Oder und Dnepr nach und zogen über Schlesien und Böhmen nach Westen, wo sie das Gebiet zwischen dem Oberlauf der Neiße in Nordböhmen und dem Flussgebiet der Saale mit dem sächsischen Vorland des Erzgebirges und dem Fläming besiedelten. Diese Gebiete waren seit der Abwanderung germanischer Völkerschaften nahezu unbewohnt, verbliebene germanische Restbevölkerung wurde assimiliert. Video: Die Mittagsfrau Der Begriff Wenden als deutsche/fränkische Bezeichnung für die Slawen kam auf. Die Sorben sind eigentlich nur einer der slawischen Stämme. Heute bezeichnen sich die Niederlausitzer Sorben im Deutschen als Wenden, um sich abzugrenzen von den Oberlausitzer Sorben. Im Niedersorbischen nennen sie sich "Serby", im Obersorbischen "Serbja". Für "Wenden" gibts im Sorbischen gar kein Wort. Übrigens ist das Niedersorbische mehr dem Polnischen ähnlich, das Obersorbische dem Tschechischen/Slowakischen. Vom 7. bis 9. Jhd. gab es Kämpfe und Raubzüge gegen die Ostfranken, so schloß schon 641 der Thüringer Herzog Radulf ein Bündnis mit den Wenden, später um 850 herum entstand die Grenz- und Schutzzone Limes Sorabicus oder Sorbenmark von der Ostsee bis zur Adria. Video: Hymne der Sorben Die dortigen Slawen waren den Franken tributpflichtig. Zwischen Saale und Neiße gab es zur Zeit der Eroberung durch die Franken keine heute bekannten überregionalen politischen Strukturen. Die Slawen lebten vornehmlich als Bauern in kleinen Stammesverbänden, die jeweils nur einige Dutzend recht kleiner dörflicher Siedlungen umfassten. Die Gesellschaft der Westslawen war aber schon deutlich in die Masse abhängiger Bauern und eine schmale adlige Herrschaftsschicht gegliedert. Aus der letzteren rekrutierten sich auch die Stammes- oder Gaufürsten, die in den fränkischen Quellen meist dux (= Herzog, Fürst) genannt werden. Video: Bräuche in Rohne Für das Jahr 806 ist aber belegt, dass ein König der Sorben namens Miliduch (oder Melito) getötet wurde, woraufhin sich andere Könige, zum Teil nach erbitterten Kämpfen, unterwarfen. Sie wurden zu Tributleistungen gezwungen, dem christlichen Glauben zugeführt und durch die mittelalterliche Deutsche Ostsiedlung assimiliert. Video: Sorbische Ostereier Über die weiter östlich im Elbtal lebenden Daleminzier und die in den Lausitzen lebenden slawischen Stämme der Lusitzi (auch Lusici, Lusizer oder Lausitzer) und Milzener, deren Nachkommen heute den Namen „Sorben“ tragen, geben die fränkischen Geschichtsquellen auch nur spärlich Auskunft. Video: Wendische Texaner Weiter oben wurde schon erwähnt, daß zu Tammo´s Zeit die Pulsnitz Grenzfluss zwischen den Gauen Daleminzi (ungefähr das Meißner Land), Lusitzi (Niederlausitz) und Milzeni (Oberlausitz) war. Die fränkischen Zuwanderer gründeten ihre Siedlungen zu flämischem, niederländischem oder fränkischem Recht, hatten also Erbrecht und waren frei. Besonders gefragt waren wohl Flamen, die sich gut mit der Entwässerung sumpfiger Gegenden auskannten (daher auch noch der Landschaftsname "Fläming"). Um dem Land einen Wert zu geben, waren sie anfangs ganz befreit von Abgaben/Diensten an Grundherren, auch vom Kirchenzehnt, oder nur gering belastet. Beteiligte sorbische Bauern hatten dieselben Rechte. Die Masse der sorbischen bäuerlichen Bevölkerung waren mittlere Bodenbesitzer ohne erbliches Besitzrecht, sowie rechtlose verarmte Bauern oder Leibeigene. Video: Flachsanbau Die obere Schicht der Bauern bildeten die Dorfvorsteher (Župane oder Supane) sowie Kriegs- und Dienstleute. Bis ins 12. Jhd. war die Ostlausitz polnisches Gebiet, später herrschten über die Lausitz lange Zeit böhmische Könige. Sie betrieben den Landesausbau teilweise im Wettbewerb mit Meißnischem Markgraf und Bischof. Die Verdrängung sorbischer Sprache und Kultur von Westen her über die Elbe war in dieser Zeit einfach eine Folge des Übergewichts deutscher Siedler. Aber es gab auch im 14. Jhd. noch eine starke sorbische Einwanderung in Städte der Lausitz, z.B. hatte Calau fast nur sorbische Einwohner. Als die wirtschaftliche Lage schwieriger wurde und die Konkurrenz zunahm, wuchs die ablehnende Haltung gegenüber den Sorben. Z.B. gab es "Deutschtumsverordnungen" im Zusammenhang mit den Zünften (wurde im 16. Jhd. meist wieder aufgehoben, auch durch den Markgrafen). Wir hatten beim Schradenland gesehen, daß in einigen Schradendörfern noch im 19. Jhd. sorbisch gepredigt wurde, einfach weil die meisten noch so sprachen. Da wollen wir uns mal kurz mit der
Religion der Sorben
befassen. Wie auch die Germanen glaubten sie ursprünglich an Natur- und Stammesgötter, an Erd-, Luft-, Wasser-, Hausgeister, an diverse Dämonen. Das ist eine Welt für sich, siehe den Wikipedia-Artikel. Bis heute bereichert es die Märchen- und Sagenwelt (Bieleboh, Czorneboh, Krabat, Mittagsfrau, Rübezahl, Rusalka ...) und die Kultur (z.B. das Schlangensymbol an Spreewaldhäusern). Video: Der Schlangenkönig In Tammo´s Zeit waren auch die Sorben längst christianisiert. Alle waren katholisch. Jedenfalls offiziell. An Hexen, Zauberer, Teufel glaubten ja auch weiterhin die Christen. Im 16. Jhd. breitete sich die Reformation in Sachsen aus und auch die Mehrzahl der Sorben wurde evangelisch-lutherisch (über 80 % bis 1900). Die evangelische Kirche hatte sich den Landesherren untergeordnet, unterstützte auch deren Germanisierungspolitik und hatte kein Interesse, die Sprache der Minderheit im kirchlichen Leben zu pflegen. Dadurch kam es zu einem Sprach- und Identitätverlust bei den evangelischen Sorben und in der DDR-Zeit kam noch die Abwendung von der Kirche hinzu.
Anders bei den Sorben um Kamenz herum. Die blieben zu fast 90 % katholisch. Da spielte das Nonnenkloster Sankt Marienstern eine wichtige und außergewöhnliche Rolle. 1248 gegründet, 1250 in den Zisterzienser-Orden aufgenommen und Kloster Altzella unterstellt, blieb es bis heute in Betrieb und unverzagt und standfest. Auch über Reformation und Dreißigjährigen Krieg hinweg. Da halfen die Beziehungen zu Polen und Böhmen und zum sächsischen Herrscherhaus, welches ja bekanntlich in seinem Draasch nach der polnischen Königskrone 1697 kurzerhand katholisch wurde (jedenfalls August der Starke, seine Frau Christiane Eberhardine blieb ihrerseits standhaft protestantisch - die Betsäule Sachsens). Video: Abtei St. Marienstern Mitte 2016 leben neben der Äbtissin Philippa Kraft 13 Nonnen und eine Postulantin im Kloster. Im Gebiet der ehemaligen Grundherrschaft des Klosters ist Sorbisch noch Alltagssprache der Bevölkerungsmehrheit. Und warum? Weil die katholische Kirche meint, dass die Muttersprache ein göttliches Geschenk sei, welches abzulegen Sünde wäre. Auch war sie auf den Vatikan ausgerichtet und verfolgte ihre eigene Politik. So erklärt sich der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt betonte außergewöhnlich enge Zusammenhang zwischen Katholizismus und Sorbentum, der bis in die heutige Zeit besteht.
Wie die Sprache der Sorben noch nachwirkt
Video: Interview sorbisch Z.B. in den Ortsnamen: Okrilla ist eindeutig slawischen Ursprungs, abgeleitet von okryll (=Runddorf). Das Runddorf war die typische sorbische Siedlungsform im Unterschied zum fränkisch-sächsischen länglichen Angerdorf. Auch an der bei den Orts- und Flurnamen häufigen Endung -itz erkennt man die slawische Herkunft (Kraußnitz, Brößnitz, Pulsnitz - pьlz = kriechen). Weitere Beispiele im Norden sind -in (in endbetonter Form wie bei Berlin), -ow wie bei Beeskow. Auch "Dresden" kommt wahrscheinlich von "Drežďany" (Auwaldbewohner). Verschiedene Lehnwörter kommen aus dem slawischen: Gurke - ogorek, Plauze - pluco, Peitsche - bic, Quark - twarog, Nerz - norc, Grenze - granica. Den Sprachaustausch gab es schon immer. Ein ganz altes Beispiel ist das urslawische kьnedzь, was aus dem urgermanischen kuninga (König) kommt. Video: Sorbisches Kulturzentrum Schleife Aus dem Deutschen wurden vor allem Wörter in slawische Sprachen vermittelt, die Handwerk, Politik, Landwirtschaft, Ernährung betrafen: Beispieltabelle. Mehr zu sorbischer Sprache und Geschichte hier. Für Ritter Tammo und seine Zeitgenossen war es jedenfalls sehr nützlich, neben dem Mittelhochdeutschen auch etwas sorbisch zu beherrschen, um sich z.B. mit Erntehelfern, Pferdehändlern, Dorfgenossen verständigen zu können. Heute können sicherlich etliche Familien bei uns auch an sorbische Vorfahren zurückdenken. Besonders beim Zampern, beim Hexenfeuer oder wenn Herr und Frau Osterhase durchs Dorf ziehen und die bunten Eier den Schloßberg runterrollen.
Hier zum Schluß noch ein schönes Video vom diesjährigen Fastnachtsumzug in Skadow bei Cottbus. Da sieht bzw. hört man einerseits, wie sich deutsches und sorbisches vermischt haben:Fastnachtumzug Skadow 2016 Glück auf, der Steiger kommt; o du schöner Westerwald, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt; da sprach der alte Häuptling der Indianer: Marmor, Stein und Eisen bricht usw. Andererseits: was mag das für tiefe Gefühle in den Frauen auslösen, wenn sie dieselbe alte Tracht auf der Haut spüren wie schon ihre Mütter, Großmütter, Urgroßmütter ..., und in den Männern, die feierlich und stolz wie ihre männlichen Vorfahren eine sorbische Schöne ausführen (mit Schnapsflasche, wie es sich gehört!). Erinnert irgendwie an den alljährlichen Jugendball, wenn die Paare in langer fröhlicher Reihe durch Schönfeld ziehen, jung und schön wie vielleicht nie wieder.
Etwas zur Baukunst, besonders zur Gotik
Vor allem in den Sakralbauwerken wurden alle Register der Baukunst gezogen, um Macht und Größe der Herrschenden und des Christentums zu verdeutlichen. Video: Zeichnung einer Basilika Als Basistyp kann man die antike Basilika (= Königshalle) ansehen, langgestreckte Gebäude mit hohem Mittelschiff und niedrigen Seitenschiffen. Ab etwa 1000 beginnt die romanische Architektur mit den typischen Rundbögen, Würfelkapitellen als Überleitung von der Säule zum Bogen, Stützenwechsel aus Pfeilern und Säulen, wuchtige noch wenig gegliederte Mauern und Türme. Die Kaiserdome in Speyer, Mainz und Worms gelten als Höhepunkt. Video: Kaiserdom Speyer Seit Mitte 12. Jhd. breitete sich die Gotik von Frankreich her aus und kam bei uns Mitte 13. Jhd. an. Herausragende Kunstschöpfung ist die gotische Kathedrale, die als Gesamtkunstwerk Architektur, Plastik und (Glas-)Malerei des Mittelalters vereint. Typische Merkmale sind der Spitzbogen, reich gegliederte filigran wirkende Türme und Wände mit großen Fenstern, das Streben in die Höhe. Man verbesserte die Statik durch Verlagerung der tragenden Elemente in den Außenbau und durch Verwendung eiserner Zug- und Ringanker. Es entstanden Dombauhütten, die es bis heute gibt. Der Magdeburger Dom ist die am frühesten fertiggestellte Kathedrale der Gotik auf deutschem Boden. Video: Dom zu Magdeburg Er wurde ab 1207 als Kathedrale des Erzbistums Magdeburg gebaut und im Jahr 1363 geweiht. Der Dom ist Grabkirche Ottos des Großen (Otto I.), erster Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Am 20. April 1207 (Karfreitag) hatte ein Feuer den Großteil Magdeburgs, darunter den Dom, die Nordkirche und die Kaiserpfalz zerstört. Albrecht I. von Käfernburg (der 18. Erzbischof von Magdeburg) ließ die Ruinen der Kathedrale abreißen und legte im September 1207 den Grundstein für den heutigen (dritten) Dom, für den Steine und Säulen des alten spätromanischen Doms wieder verwendet wurden. Zu Tammo´s Zeit war es eine große Baustelle. Nachricht von der Brandkatastrophe war sicher auch ins Meißner Land gelangt. Der Erzbischof von Magdeburg war damals auch ein Landesherr. Sein weltlicher Besitz war das Erzstift Magdeburg. Auch er trieb den Landesausbau wie das Hochstift Meißen nach Osten hin voran.
Aber schauen wir wieder mal nach Meißen: der Meißner Dom ist einer der stilreinsten deutsch-gotischen Dome. Daneben verfügt er über eine der reichsten und wertvollsten Ausstattungen sächsischer Kirchen. Video: Gothic Dom zu Meissen Tammo sah auf dem Burgberg noch den Vorgängerbau, die viertürmige romanische Basilika des legendären Bischof Benno aus dem 11. Jhd. Aber als hochbetagter Greis konnte er ab 1260 den neuen gotischen Dom wachsen sehen. Vielleicht stand er sogar noch ehrfürchtig vor den auch um 1260 in Naumburg geschaffenen überlebensgroßen Stifterfiguren von Kaiser Otto I. und seiner Gemahlin Adelheid von Burgund, die 300 Jahre vorher gelebt hatten. Alles war funkelnagelneu. Aber der Bau zog sich jahrhundertelang hin wie meist bei solchen Kathedralen. Video: Dom zu Meissen Schon im 14. Jhd. erhoben sich zwei Türme über der Westfront, die aber der Blitz 1413 zerstörte. Die heutigen beiden Westtürme entstanden erst 1903 - 1909. Die Blicke der Meißnischen Ritter gingen sicher immer zum Burgberg, wenn sich vor ihnen das Elbtal öffnete. Der Weiße und der Rote Turm und die Markgrafenburg standen noch, auch die alte viertürmige Basilika hinter dem Bischofsschloss noch übergangsweise, bis der neue Dom sie nach und nach ablöste. Was würde man für ein Foto von damals geben! Womöglich sogar ein Ritter-Selfie von Tammo vor diesem Hintergrund (Scherz!). Oder gar er mit seiner Sippe vor ihrer Wasserburg! Einen Selfie-Stick hatte er ja immer zur Hand: seinen wurmbunten Tammosax. So sind wir auf Zeichnungen und Gemälde angewiesen, wovon es wenig genug gibt und so vieles leider verloren ging.
Etwas zu Fenstern, Glas und Spiegeln
Außer den Türen und Toren mußten die Gebäude auch weitere Öffnungen haben, damit der Rauch abziehen und Licht und Luft herein kommen konnten. Video: Wehrhafte Burgen Tammo´s Steinburg hatte dafür wahrscheinlich senkrechte schmale Öffnungen, durch die der Feind nicht eindringen, aber die Burgbesatzung ihre Waffen einsetzen konnte. Die Leibung (Mauereinschnitt) war nach allen Seiten abgeschrägt für mehr Lichteinfall, besseren Sicht- und Schußbereich. Im oberen Bereich und zum Innenhof hin könnten die Fenster auch größer gewesen sein, evtl. mit Rundbögen und durch Säulen unterteilt (Gewände). Besonders die Sakralbauten und größere Burgen sollten ja auch repräsentieren. Die Bauernhäuser und Katen bestanden wohl vorwiegend aus Holz, Lehm und Feldsteinen und hatten nur kleine Wandöffnungen, die man kaum Fenster nennen kann und die gegen die Kälte mit Stroh zugestopft wurden. Manches Haus hatte vielleicht auch schon zwar kleine, aber richtige Fenster. Falls es Fensterrahmen gab, wurden die mit Mooszöpfen aus Frauenhaarmoos abgedichtet. Video: Frauenhaarmoos Die Fenster konnten von innen oder außen mit Teppichen, Brettern, später Fensterläden verschlossen werden (Querbalken innen). Fensterglas gab es zwar schon, aber für Profanbauten erst im 15. Jhd. Bis dahin hatten auf Holzrahmen gespannte Pergamente, geölte Leintücher, Tierblasen, dünn gegerbte Tierhäute und Glimmerplatten gewissermaßen als Scheiben gedient. Da hatte der Hausherr oder die Hausfrau immer eine große Verantwortung, denn frieren wollte keiner, aber mit Rauchvergiftung ist nicht zu spaßen!
Wie war das nun mit dem Glas (von germanisch glasa „das Glänzende, Schimmernde“)? Hauptsächliche Quellen: Wikipedia und planet-wissen.de: Video: GLAS : FEUER, SODA, SAND UND ASCHE Naturglas z.B. aus vulkanischen Prozessen gab es z.B. als Obsidian, den die Steinzeitmenschen schon verwendeten für Werkzeuge und Waffen. Dann könnte zufällig im Töpferofen ein glasartiger Überzug (Glasur) entstanden sein und man erkannte, daß Sand, Kalk, Soda und Pottasche im Brennofen in bestimmter Zusammensetzung bei ca. 1400 °C Glas ergeben. Das war um 1500 v. Chr. und ab 200 v. Chr. begann in Syrien mit der Glasmacherpfeife das Glasblasen. Man lernte auch, blasenfreies und farbloses (entfärbtes) Glas herzustellen. In römischer Zeit waren bereits tonnenschwere verschiedenfarbige Rohglasblöcke ein Handelsgut. Germanen und Kelten übernahmen die Technik von den Römern. Im 10. Jahrhundert wurden dann die venezianischen Glaswaren berühmt: reinstes Kristallglas mit unnachahmlichen Glanz. Bei uns gab es damals die wandernden Waldglashütten. Wegen des hohen Holzverbrauchs für die Brennöfen mußten sie immer mal den Standort wechseln. Man konnte sowohl Hohlglas als auch Flachglas herstellen. Sehr beliebt waren die Butzenscheiben, die mittels Mondglastechnik hergestellt wurden: Video: Marc Chagall Eine Kugel wird geblasen, auf der anderen Seite wird ein Schleuderstab befestigt, die Pfeife wird entfernt, dadurch entsteht ein Loch, das aufgeweitet wird. Dann rotiert die erhitzte Glaskugel am Schleuderstab, so daß sich ein flacher Teller bildet. Video: Echte Butzenscheiben Die Glasplatten konnten so über einen Meter Durchmesser haben. Daraus wurden Glasscheiben geschnitten, das Mittelstück mit der Butze war die Butzenscheibe. Meist war das Glas grünlich, es konnten aber auch andere Farben erzeugt werden. Im Zusammenspiel mit der Glasmalerei entstanden die großen Glasgemälde der gotischen Kathedralen.
Nun hätte man oder vielmehr Frau auch gerne mal ihr Spiegelbild bewundert. Und nicht nur auf dunkler glatter Wasseroberfläche. Video: Antiker Bronzespiegel Früher schliff man dafür Platten aus Obsidian, Kupfer, Bronze, Silber glatt. Solche Metallspiegel fand man in antiken Gräbern. Ab etwa 2. Jhd. gab es meist runde Metallspiegel mit einer Glasschicht. Im 11. Jhd. kamen in Italien die Kapselspiegel auf, wo eine gewölbte Metallkapsel mit Glas beschichtet wurde. Diese Konvexspiegel (nach außen gewölbt wie die heutigen Verkehrsspiegel) wirken verkleinernd/verzerrend (Weitwinkeleffekt). Genauso auch die ab 13. Jhd. in Murano gefertigten kleinen Hohlspiegel, wo eine Blei-Zinn-Legierung in Glaskolben gegossen wurde, die dann aufgeschnitten wurden. Auf der venezianischen Insel Murano entstand ab 1295 ein Glas-Technologiezentrum besonders für das Kristallglas und ab 1516 erstmalig auch für flache Glasspiegel mit Amalgam-Beschichtung. Amalgam ist eine Quecksilber-Zinn-Legierung. Mit solchen Spiegeln wurden besonders im Barock ganze Säle ausgestattet. 1886 wurde diese Spiegelherstellung jedoch verboten, da das verdunstende Quecksilber vielen Arbeitern die Gesundheit ruiniert hatte. Video: Sevillanas flamencas Man hatte auch was besseres: Der deutsche Chemiker Justus von Liebig hatte Mitte 19. Jhd. entdeckt, dass beim Vermengen von Aldehyd und Silbernitrat und dem Aufbringen auf eine Glasscheibe Silber an der Glaswand abgeschieden wird. So entsteht ein brillanter Spiegel aus Glas, der weit mehr Licht reflektiert als Quecksilberspiegel. Allerdings musste die Rückseite der Silberschicht mit einer dünnen Lage Zinn oder Kupfer vor Korrosion geschützt werden. Und gegen mechanische Beschädigungen und um die Lichtundurchlässigkeit zu gewährleisten wurde dahinter eine Schicht Decklack aufgetragen. Mittlerweile fertigt man kostengünstiger mit Aluminiumbeschichtung. Silber bietet jedoch eine äußerst gleichmäßige Reflexionsfähigkeit über das gesamte Spektrum von sichtbarem Licht und bleibt daher die erste Wahl für hochwertige Spiegel.
Tammo und seine Gefährtinnen und Gefährten konnten sich also durchaus nicht nur im Wasser bespiegeln. Video: Durch den Spiegel Sondern auch in flachen Metallspiegeln oder den konvexen Kapselspiegeln. Da hatten sie einen Spaß! Wie im Panoptikum. Jedoch waren ihnen die Gefahren und weitere Möglichkeiten des Spiegels noch unbekannt: zerbrochene Spiegel bringen sieben Jahre Unglück; die Seele eines Toten verbirgt sich im Spiegel, wenn er nicht zugehängt ist; Schlafende sollen sich nicht spiegeln, sonst schlafen sie unruhig; hat jemand kein Spiegelbild, ist er höchstwahrscheinlich ein Vampir usw. Weitere Quellen: www.spiegel-info.de/geschichte-der-spiegelherstellung und www.monumente-online.de. Das führt uns zum nächsten Thema:
Schloss Schönfeld und die Geister
Unser heutiges Traumschloss hat auch eine verborgene Seite. Die einen nennen es Spuk, die anderen Zauber. Seitdem es nicht mehr bewohnt ist, hält man sich vorsichtshalber nachts nicht mehr im Schloss auf. Alte Sagen und überlieferte Erzählungen berichten von einer schwarz verschleierten Dame, die nächtlich umherwandelt auf der Suche nach ihrem Baby, das man ihr genommen hat und dessen Wimmern ihr keine Ruhe läßt. Auch von einer weißen Frau ist die Rede. Und von einem kopflosen Mönch, der einer Bluttat zum Opfer fiel und seitdem umgeht. Es waren Bilder von der Wand gefallen und kündeten von nahem Tod. Schönfelder Traumschloss Auf der Website unseres Traumschlosses mehr dazu =>
Immer wieder gab es Geräusche, Erscheinungen, Empfindungen, für die sich nicht sogleich eine Erklärung fand. Alte Gemäuer beflügeln aber auch immer die Fantasie. Wie dem auch sei, man wüßte es schon gern tiefer. Dafür gibt es zum Glück Experten wie das G.E.T. - Ghosthunter Explorer-Team aus Singen zwischen Schwarzwald und Bodensee. Paranormale Untersuchungen Dieses hat im Oktober 2015 ausführliche paranormale Untersuchungen im Traumschloss durchgeführt, auch während der Geisterstunde (klick aufs linke Bild). Zwar konnten sie die bekannten Überlieferungen nicht nachweislich bestätigen, aber es gab mehrere unerklärliche Erscheinungen und Anzeichen, auch eine Fledermaus und ein Spiegel begleiteten sie hartnäckig im Kellergewölbe. Wer und was da anwesend war, bleibt also weiter im Dunkeln. So leicht sind unsere Geister eben nicht zu ermitteln. Da haben sie auch ihre Ehre. Nun sind diese Sagen und Erscheinungen ja eher aus "jüngerer" Zeit überliefert, etwa seit 15. Jhd., als die Herren von der Sahla die Grundherrschaft übernahmen und auch beide Schlossanlagen im Stil der sächsischen Renaissance erbaut wurden. Zuvor gab es aber die sagenhafte Wasserburg derer von Schönfeld auf ehemals germanischem und slawischem Gebiet. Die fränkischen Siedler kamen in eine fremde teils unerschlossene Gegend, in der sie vielleicht auch eine unbekannte jenseitige Welt erwartete. Video: Auf den Spuren von Elfen, Feen und Geistern Sie brachten ihren festen Glauben mit. Und vielleicht auch die Geister ihrer Ahnen und sicherlich ihre mythischen Vorstellungen? Sie lernten die Märchen und Sagen der Sorben kennen und erzählten denen ihre eigenen. Sie versuchten, sich einen Reim darauf zu machen, was so an Seltsamem geschah. Nicht alles konnte der Pfarrer erklären. Und was da womöglich um das G.E.T. - Ghosthunter Explorer-Team herum war, war es vielleicht viel älter und unbegreiflicher?
Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, hier das berühmte Shakespeare-Zitat anzuführen (Hamlet an Horatio): There are more things in heaven and earth, Horatio, than are dreamt of in our philosophy. - Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, Horazio, als in unserer Philosophie geträumt werden. Einerseits beweist das nun zwar nichts (man kann sich aber damit schön wichtig machen), andererseits kommen einem schon Fragen, wenn man sich einmal aufs Übersinnliche eingelassen hat. Hat jedes Volk seine eigenen Geister oder sind es immer dieselben, nur anders benannt? Ziehen sie mit den Siedlern mit? Video: Hamlet - Yorick Scene Die Naturgeister bleiben sicher an Ort und Stelle, ein Berggeist z.B. wird sich an der Küste wohl deplaziert fühlen. Dann sind da ja noch die personalisierten Geister, wie der kopflose Mönch und die schwarze Dame. Diese sind ja an Objekte gebunden, wie unser Traumschloss. Sicher gab es solche auch im Zusammenhang mit der verschollenen Wasserburg. Da ist ja auch manch fürchterliches geschehen, worum sich Sagen und Mythen rankten, die ebenfalls im Dunkel der Zeit versunken sind. Sind diese frühen Geister und die aus vorchristlicher Zeit mit der Wasserburg und früheren Anlagen vergangen? Da gibt es noch viel zu forschen Na jedenfalls ist es im Traumschloss in manchen Nächten nicht geheuer und es geht etwas um. Und so manches Dorf in der Umgebung hat wenigstens einen Kobold, auf den es stolz ist. Aber im Ernst: ich kann mir schon vorstellen, daß viele Siedler die Gebeine ihrer Lieben mit in die neue Heimat genommen haben, um sie da an einer geweihten Stelle wiederzubestatten. In ihre frühere Gegend kamen sie ja kaum jemals zurück und das Abschiednehmen dauert seine Zeit und zur Heimat gehört auch, daß die Vorfahren und verstorbene geliebte Angehörige da ihre letzte Ruhe finden, nicht in der Ferne verlassen bleiben, und man einen Ort zum Erinnern und Trauern hat. Auch möchte man ja selber nach dem eigenen Tod seinen Lieben nah sein.
Geister (Gespenster; mhd. geist, gespenst, ungehiure; lat. larvae, umbratici), körperlose bzw feinstoffliche gut- oder böswillige Wesen, waren dem Volksglauben schon in der vorchristl. Zeit vertraut und wurden entsprechend verehrt oder gefürchtet. Sie hausten als Natur-, Toten-, Ahnen- oder Hausgeister im Verborgenen. Zwar hatte Karl der Große um 800 herum die Sachsen mit Feuer und Schwert zu Christen gemacht, aber in der Not hat wohl manche(r) insgeheim die alten Zaubersprüche und Beschwörungen an germanische Götter gemurmelt und heimlich ein Opfer gebracht. Und wenn es nur ein paar Tropfen Milch waren. Video: Merseburger Zaubersprüche Erinnern wir uns z.B. an die Merseburger Zaubersprüche aus germanischer Zeit, welche die Befreiung von Kriegern aus ihren Fesseln und die Heilung eines Pferdes bewirkten. In Form von Märchen, Sagen, Kunstwerken ist das alles ein Bestandteil unserer Kultur geworden. Genauso wie die Religionen. Wie vor 800 Jahren finden darin viele immer noch Heimat, Geborgenheit, Gemeinschaft, Lebenssinn. Video: In Extremo Na, und die nächtlichen Wesen im Traumschloss? Ich glaube, die sind ganz zufrieden, daß sie in so einem schönen Schloss spuken können und soviel interessantes dort los ist. Video: Der Spuk der weißen Frau Natürlich, sie werden sagen: "Kein Vergleich mit damals! Als alles noch neu war und wir richtige Herrschaften hatten! Die Kleider! Die Bälle! Die Musik! Die Eleganz! Die Pferde!" Und werden weiter herumgeistern. Die Pilger, die dort übernachtet haben, haben sich zwar gegruselt (falls sie was davon wußten), sind aber bisher immer heil und gesund geblieben. Die sind ja schließlich fromm! Wenn man nur wüßte, was sie so im Traumschloss geträumt haben, könnte man sicher so dies und das über unsere Schlossgeister erfahren! Immerhin: Anika Mehner und Thomas Nitschke haben über ihre Geistererfahrungen im Traumschloss berichtet.
Nun ist es soweit: Morgen, am 28. August 2016, startet das 26. Schönfelder Heimatfest und eine ganze Woche lang werden 800 Jahre Schönfeld gefeiert.
Zeit für den Endspurt
Hatte der Edle Tammo de Sconevelt damals womöglich auch ein erstes Heimatfest gefeiert, das -774., wenn wir vom diesjährigen 26. zurückrechnen? Video: English dance Was war da so los? Gottesdienst und Erntedank, das ist klar. Die Dorfleute, egal ob deutsch oder sorbisch, haben getanzt und gesungen, gegessen und getrunken, auch klar. Sie trugen ihre Festtagstracht. Video: Die Wanderhure Die Kinder sind umhergehüpft, heute in der Hüpfburg, damals in der Wasserburg. Musikanten spielten auf, fahrendes Volk unterhielt die Leute, Marktstände boten allerlei feil, auch feile Dirnen weckten "die Lust auf eine Balgerei im Bette". Vor den Puppenspielern und Märchenerzählern sperrten die Leute Augen und Ohren auf. Auch das Vogelschießen hat sich bis heute gehalten. Tammo hatte seine Beziehungen spielen lassen. Wir wissen, daß der Minnesänger Walther von der Vogelweide nach 1211 im Dienste des Markgrafen Dietrich von Meißen stand. Video: Walther von der Vogelweide Hat er seine Kunst auch bei uns dargeboten? Wir wissen weiter, daß sogar Markgraf Heinrich der Erlauchte ein berühmter Minnesänger war. Er kann aber erst bei späteren Heimatfesten aufgetreten sein, da er 1216 erst ein einjähriges Baby war. Auch heute noch tragen hohe Gäste gerne zur Belustigung bei. Video: trovadores occitanos Tammo war mit der Meißner Ritterschaft weit herumgekommen. Hatte die okzitanischen Troubadoure und Trobairitzen, sowie die Barden des keltischen Kulturkreises kennengelernt, die ja wie die Minnesänger auch die Kreuzzüge begleiteten. Video: THE BARD’S SONG So lauschten die Leute vielleicht auch ganz ungewohnten Melodien und Klängen und bestaunten die Fremden. Immerhin werden sie alle das Vaterunser gekannt haben, das Grundgebet der ganzen Christenheit, jeder in seiner Sprache. Oder wurde es damals noch lateinisch gesprochen? Dann gab es im Gottesdienst sogar einen Gleichklang.
Video: Knights of The Round Table <= Vielleicht ist sogar ein Ritterballett aufgetreten? Spiele (sicher noch kein Fußball), wie Ringelstechen oder Erbsenweitspucken gab es, und Schaukämpfe, bei denen Tammo und die Nachbarritter ihre prächtigen Waffen und Rösser und ihre Kampfkunst präsentierten vor den anwesenden Damen. Video: Fatzwerk im Karussell Die sich auch schön gemacht hatten. Im, hmm, nun ja, Rahmen ihrer Möglichkeiten, wie es Olaf Schubert mal schön frech ausgedrückt hat. Video: Mittelalter Brautkleider Trotz aller sittlichen Gebote hatten sie (im Rahmen ihres Standes) schon einige modische Möglichkeiten, so daß sie bewundernde Blicke auf sich zogen und sich natürlich auch neugierig gegenseitig musterten. Und es gab ja soviel zu erzählen! Der ganze Dorfklatsch, wie heute eben auch.
Beim Durchsehen von Bildern früherer Heimatfeste wird mir bewußt, daß sie auch immer einen sehr bewegenden Moment hatten. Wenn der fröhliche Festzug mit den Vorjahresschützenköniginnen/königen die Kirche erreicht, dann wird es still.
Kriegstoten-Gedenken Kriegstoten-Gedenken Kriegstoten-Gedenken Kriegstoten-Gedenken Kriegstoten-Gedenken Video: Ich hatte einen Kameraden Video: Salve Regina Video: I’m Dreaming of Home
Die Schützenvereine nehmen Aufstellung, die Fahnen senken sich, eines der alten Trauerlieder erklingt. Die Blicke gehen zum Kriegerdenkmal. Die Gedanken zu den Schönfeldern, die in den Kriegen ihr Leben lassen mußten, oft die Heimat nicht wiedergesehen haben und gar in fremder Erde liegen. Video: Der treue Husar Manchen werden die Augen feucht. Dieses Schicksal eines frühen Todes durch Gewalt oder auch Krankheit, Hunger, Seuchen, Unfälle war zu allen Zeiten immer gegenwärtig. In den Gottesdiensten wurde derer gedacht, und den Schützenvereinen und deren Vorgängern bis hin zurück zur Ritterschaft war es sicher auch immer ein Anliegen, insbesondere für ihre toten Kameraden. => Soldaten und ähnliche Leute
Kommen wir jetzt zu etwas völlig anderem. Während sich in "Sconefelt" die Dorfleute beim allerersten Heimatfest im Reigen drehten, drehte sich auch unsere Erde ein Stück weiter und unser Blick fällt auf eine der Christenheit damals ganz unbekannte Gegend. Video: Angkor Vat In Südostasien erbaute das Khmer-Volk aus Sandsteinquadern das größte religiöse Bauwerk der Erde: Angkor Vat - der himmlische Palast des Gottes Shiva (der Lieblingsgott der Hippies oder auch Blumenkinder) und seiner Ehefrau Parvati, die wiederum die Reinkarnation (Wiedergeburt) ihrer Vorgängerin Sati ist, die sich für Shiva geopfert hatte. Eine ganz andere Welt mit vielen Göttern ist der Hinduismus mit rund einer Milliarde Anhängern und etwa 15 % der Weltbevölkerung nach dem Christentum (rund 31 %) und dem Islam (rund 23 %) als drittgrößte Religion der Erde. Seinen Ursprung hat er in Indien. Wir hatten Indien ja schon kurz im Zusammenhang mit dem Priesterkönig Johannes und der indischen Zahlschrift erwähnt. Die meisten Hindus gehen davon aus, dass Leben und Tod ein sich ständig wiederholender Kreislauf (Samsara) sind, und glauben an eine Reinkarnation.
Aber nun wieder zurück in deutsche Lande. Wir hatten schon viel zu Landesausbau, Erschließung, Abgabenbefreiung usw. erfahren. Da lauschten unsere Vorfahren sicher gespannt den Nachrichten aus der Stedinger Bauernrepublik (1204 bis 1234) westlich von Bremen am Weserunterlauf. Freie Bauern (meist aus Holland) lebten dort seit der Ansiedlung ab 1142 nach günstigem Kolonistenrecht und wollten ihre Bauernfreiheiten gegen die Erzbischöfe von Bremen und die Grafen von Oldenburg verteidigen. Sie hatten schon Burgen gestürmt und ein Ritterheer in die Flucht geschlagen. Sie nutzten geschickt die Landschaft mit Deichen und Sümpfen. Video: Bauernkrieg als Kreuzzug Aber dann zogen die geistlichen und weltlichen Herren alle Register ihrer Macht. Die Stedinger wurden exkommuniziert und 1230 zu Ketzern erklärt. Der Papst verkündete den Kreuzzug und versprach den Teilnehmern genauso Ablaß wie für den Zug ins Heilige Land. Den Bürgern Bremens sollten bei Teilnahme Zölle und Abgaben erlassen werden, den Kaufleuten wurde eine Befreiung von der Heeresfolge und ein Drittel der Beute angeboten. Der Adel stellte ein Ritterheer. Da können gut auch Meißnische Ritter dabei gewesen sein! Es war schließlich ein offizieller Kreuzzug mit Aussicht auf Seelenheil, Ruhm und Beute! Die Anreise die Elbe runter war viel einfacher als ins Heilige Land und diese Bauernlümmel würde man ja wohl leichter zur Räson bringen als die Sarazenen! Übrigens: wir begegnen hier auch wieder dem grausamen Kreuzzugswerber und Ketzerjäger Konrad von Marburg, der schon die Elisabeth von Thüringen beherrscht und drangsaliert hatte. Im direkten Auftrag des Papstes zog er eine blutige und rauchende Spur durch deutsche Lande. Da Konrad auch vor Grafen, Bischöfen und Fürsten nicht zurückscheute, erregte er Angst, Hass und Widerstand auch in Adelskreisen. Er klagte auch den Grafen Heinrich III. von Sayn, einen der mächtigeren Herrscher des Rheinlands, als Ketzerfreund an. Dieser erreichte jedoch, dass sein Fall der Inquisitionsgerichtsbarkeit entzogen und einem Reichsgericht im Dom zu Mainz unter Teilnahme des deutschen Königs Heinrichs (VII.) (der schon weiter oben erwähnte unglückliche "Klammerkönig"!) überstellt wurde. Dort konnte er auf traditionelle gerichtliche Verfahren wie Eideshelfer, die seine Unschuld beschworen, zurückgreifen und so einen Freispruch erreichen. Konrad sah sich einer unerwarteten Niederlage gegenüber. In Begleitung von zwei vertrauten Mönchen machte er sich auf den Heimweg in das oberhessische Marburg. Bei dem heutigen Weiler Hof Capelle südlich von Marburg, etwa 2 km nordöstlich von Beltershausen im Ebsdorfer Grund, lauerten ihm sechs Berittene auf, u.a. Mitglieder des Adelsgeschlechtes von Dernbach, und erschlugen ihn und seine Diener am 30. Juli 1233 (siehe Wikipedia).
Nach anfänglichen Erfolgen unterlagen die Stedinger schließlich in der Schlacht bei Altenesch 1234. Etliche suchten Schutz nördlich bei den Rüstringer Friesen, die noch eine zeitlang die Friesische Freiheit behaupteten. Unsere Vorfahren konnten hier gut erkennen, daß die ursprüngliche Freiheit der Kolonisten nur solange währte, wie es für die Erschließung nützlich war. Dann nutzten die übergeordneten Herren ihre Macht und die Unfreiheit nahm zu.
Noch so dies und das
Unter den zahlreichen Mittelalter-Vereinen möchte ich gern eine Dresdner Interessengemeinschaft hervorheben, die die Seite www.mark-meissen-1200.de betreibt. Sie gestalten sogar das Mittelalter erlebbar nach und auf ihrer Geschichtsunterseite findet man etliches interessante aus dem 10. bis 13. Jhd. Weiter oben hatten wir schon den 1216 herrschenden Markgrafen Dietrich den Bedrängten erwähnt. Und wir können nun auf der IG-Seite mehr zu den Machtkämpfen zwischen den Thüringer und Meißener Großen nach dem Tode des Meißener Markgrafen 1221 lesen. Dessen Sohn, der spätere Heinrich der Erlauchte, war da erst 3 bis 6 Jahre alt (die Angaben schwanken). Es dauerte Jahrzehnte, bis dieser sich im gesamten Gebiet durchsetzte. Nach 1265 gingen aber die Kriege unter seinen Söhnen Albrecht und Dietrich weiter bis Anfang 14. Jhd. Und wir lesen dort auch, daß er sich mit den Naumburger und Meißener Bischöfen angelegt hatte, so daß sie ihn exkommunizierten und er "zu Kreuze kriechen mußte". Das verdeutlicht wieder, wie schwierig es in diesen Zeiten für die Schönfelder Herren war, die Übersicht zu behalten. Was sollte man davon halten, wenn der Schönfelder Pfarrer im Gottesdienst verkündete, daß der regierende Markgraf gebannt ist! Richtig schlimm wurde es unter Heinrichs Sohn Albrecht dem Entarteten. Video: Albrecht der Entartete Nach Ansicht von www.mdr.de/lexi-tv war er die Fehlbesetzung der Wettiner. Er führte Kriege gegen die engste Verwandtschaft und verschleuderte aus Geldnot das Wettinische Erbe. Um 1299 können ihn die Wettiner endlich aus dem Verkehr ziehen. Er verbringt die letzten Jahre seines Lebens als "landesherrlicher Pensionär" unter dem Namen Hans Patze in Erfurt. 74-jährig stirbt Patze 1314 - die Wettiner verweigern ihm sogar die Familiengruft. Sein Sohn Friedrich der Gebissene konnte das "wettinische Reich" bis zu seinem Tod 1323 nur zum Teil wiederherstellen. Video: Burg Wettin Erst sein Sohn Friedrich der Ernsthafte hatte das Ansehen und die Macht der Wettiner wie zu Zeiten seines Urgroßvaters Heinrich des Erlauchten wiederherstellen können. Sogar die Wahl zum König bzw. Kaiser des HRR trug man ihm an! Jedoch verzichtete er klugerweise zu Gunsten des mächtigen böhmischen Königs Karl IV. 1348 erkannten beide gegenseitig ihre Herrschaften und Besitzstände an und sicherten sich zudem einander Hilfeleistung zu. Vor diesem Hintergrund müssen wir die Aktivitäten der Schönfelder Herren um 1350 herum betrachten, die wie o.a. in den Besitz von Königsbrück, Hoyerswerda und möglicherweise auch Burg Kamenz gelangt waren und diese offenbar dem Meißener Markgrafen bzw. einem Brandenburger Grafen zum Kauf angeboten hatten. Was die Fehde mit Bautzen auslöste und letztendlich fehlschlug.
Etwas zu Kleiderfarben und Stoffen
Einfache Leute benutzten vorwiegend naturfarbene Stoffe. Aber es wurde auch eingefärbt mit Farbstoffen, die aus Pflanzen oder Tieren gewonnen wurden:
FarbeHerkunft
gelbBirke, Rainfarn, Gilbkraut
rotKrapp, Gänsefuß, Ahornwurzeln, Schlehdorn, Flechten, Kermeslaus (teuer)
blauFärberwaid, Indigopflanze (Import aus Indien)
purpur  Purpurschnecke (teuer, Farbe der Herrscher)
Eine große Bedeutung bei uns hatte die Färbepflanze Färberwaid. Dessen Blauviolett/Indigoblau war wahrscheinlich die dominierende Farbe des Mittelalters. Video: historische Blaufärbung Die Römer berichteten, daß sich schon die Britannier damit furchterregend blaugrün eingefärbt hatten. Das wichtigste deutsche Anbaugebiet lag in Thüringen. Großenhain (Hayn) war ein Waid-Handelszentrum, wo Waidballen als Halbprodukt gehandelt wurden. Allerdings verbrauchte der Anbau viel Fläche (keine essbare Pflanze), und die Gärungs- und Färbeprozesse belasteten stark die Gewässer und stanken bestialisch. Wegen des Holzschutzeffektes (gehemmtes Pilzwachstum) eignet sich die Farbe auch zum Streichen von beispielsweise Türen, Deckenbalken und Kircheninnenräumen. Aus den Wurzeln wird der Waidbitterlikör hergestellt. Der synthetische Indigo verdrängte ab 1897 den Waid, aber heute gilt er als Ökofarbe (Erfurter Blau). Eingefärbt wurden ganze Gewebe/Gestricke, Garn oder einzelne Fasern/Wollvliese. Der Blaudruck, bei dem mit Hilfe des Aufdruckens eines Schutzschicht-Musters vor dem Färben gemusterte Stoffe erzeugt werden, kam erst im 17. Jhd. auf. Das Färben galt im Mittelalter als schmutziges Geschäft. So galten Färber häufig als unrein, weil sie mit übel riechenden Substanzen (wie Urin) umgingen. Mit den Kreuzfahrten begann in Europa jedoch ein erhöhtes Interesse an aufwändig gefärbten Materialien. Im 13. Jahrhundert expandierte der europäische Markt für gefärbte Stoffe und ausgebildete Färber waren sehr gefragt. So bildeten sich eigene Zünfte und Gilden. Es gab damals natürlich nur Naturfasern aus Hanf, Flachs (Leinen), Schafwolle, Ziegenwolle, Roßhaar. Video: Handspindel Aus der Fremde kannte man auch Seide, Baumwolle, Kapok, Kokos, Sisal usw. Die Fasern wurden seit Jahrtausenden mit der Handspindel zu Garn versponnen. Im 13. Jhd. kam das Spinnrad auf. Video: Vom Flachs zum Leinen Auch seit Jahrtausenden wurden die Garne zu Tuchen verwebt, seit dem Neolithikum gibt es schon Webstühle. Schon die Germanen woben komplizierte Muster, wie z.B. der berühmte Thorsberg-Mantel belegt. Im frühen Mittelalter und in der romanischen Kunstperiode beherrschte die orientalische Webkunst den Weltmarkt. Diese Stoffe und Prunkgewänder waren sicher auch eine begehrte Beute für die Kreuzfahrer und Tammo entzückte seine Damen womöglich mit herrlichen Seidentüchern und prachtvollen Kleidern. Es gab eben in jeder Hinsicht viel zu holen im Morgenland. Video: Kamele Z.B. auch schon Porzellan aus China! In unserer Gegend steckte die Töpferei noch in den Kinderschuhen. Aber erstmal mußte man hinkommen, kämpfen, überleben, heil zurückkommen. Und alles glücklich nach Hause bringen. Vielleicht auf erbeuteten Kamelen? Das wär was gewesen ...
Die Weber des Mittelalters waren hauptsächlich die Leineweber, wobei dieser Beruf oft als bäuerlicher Nebenerwerb ausgeübt wurde und als „ehrlos“ und damit als unehrlicher Beruf galt und andererseits die Tuchmacher, die feine Tuche meist aus Schafwolle webten und zu einer geachteten Zunft gehörten, die in den Städten große Bedeutung erlangte. Z.B. waren in Großenhain 1699 253 Tuchmacher ansässig. Und der rege mittelalterliche Textilhandel der Meißner Tuchmacher soll für die europaweite Verbreitung des Nachnamens Meiß(ss/s)ner gesorgt haben. Heute erinnern noch das Tuchmachertor hinter der Frauenkirche, das Weinhaus „Vincenz Richter“ (ehemaliges Zunfthaus der Tuchmacher) und das Stadttheater (ehemaliges Tuchmacher- und Gewandhaus) daran.
Video: Baby Puschen So. Stricken wir nun mal ein wenig zur Beruhigung. Denn neben den Geweben gab es auch Funde von Gestricken und Stricknadeln spätestens seit dem Frühmittelalter. Im Hochmittelalter sieht man auf Bildern mehrfach die strickende Madonna. Gestricke sind vermaschte Fäden und im Vergleich zu Geweben dicker, schwerer, wärmeisolierender und durchsichtiger. Tammo´s Leute (sicher meist die Frauen) haben also möglicherweise schon dies und das gestrickt. Sicher meist Socken, Handschuhe, Schals, Mützen wie heute auch. Und für ihren Tammo einen Pullunder mit dem Wappen der "de Sconevelt" vorne drauf? Den konnte er sich über die Rüstung ziehen und über den Helm eine Strickmütze. Das hielt warm. Die Wappenfarbe gelb war gut zu erzeugen, schwarz war schwieriger. Dafür gab es Spezialisten, die Schwarzfärber, die schon früh z.B. das koptische Schwarz färben konnten. Video: Mann aus Alemannia Auf den Kreuzzügen haben die Ritter eher eine Art Burnus über die Rüstung gezogen zum Schutz vor Sonne und Sand und als eine Art Ordens-Uniform mit dem Kreuzeszeichen oder einem Wappen.
Tammo´s Frauen konnten aber auch schon sticken und damit die Gewebe vielfarbig verzieren! Video: Buchstaben aussticken Da hatten sie ihrem Ritter wohl überall seine Initialen in die Unterwäsche und Hand- und Schnupftücher gestickt, damit diese nicht durcheinander kamen mit dem Zeug der anderen Ritter unterwegs. Es ist - wen wunderts - eine chinesische Technik, die über Assyrer, Griechen, Römer zu uns kam. Das Häkeln kam erst ab 1800 auf, das Klöppeln im 16. Jhd. Das Teppichknüpfen entstand wahrscheinlich schon vor Jahrtausenden in Mittelasien. Teppiche schützen besser vor Kälte als Felle und dienen als Zier. Auch sie könnten schon Tammo´s Wasserburg verschönert haben. Und zu guter letzt haben wir noch das Filzen, eine uralte Technik, mit der Wolle oder Tierhaare zu einem festen textilen Flächengebilde verwalkt werden. Daraus lassen sich Kleidung, Matten, Zelte usw. herstellen. Filz ist elastisch, isoliert gut und brennt kaum. Sicher hatte mancher Schönfelder damals schon einen Filzhut auf. Und an den Füßen Filzpantoffeln.
Kommen wir nunmehr zum Finale. Heute, am Sonntag, erreicht auch die Schönfelder Festwoche ihren Höhepunkt mit dem Festumzug und ihren Abschluß. Da werden die 800 Jahre nochmal vorbei ziehen. Wir haben nur streiflichtartig einiges behandeln können, man könnte es noch viel mehr ausweiten z.B. auf weitere Handwerke (Keramik, Korbflechterei, Stellmacherei, Gerberei, Brauerei ...), angebaute Obst-, Gemüse-, Getreidearten, weitere Lebensbereiche und was weiß ich noch. Man kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Eine dunkle Zeit wars nicht, oder? Die Sonne schien genauso hell wie heute und die Pflanzen- und Tierwelt war womöglich noch vielfältiger. Richtig dunkel waren aber noch die Nächte. Und es gab noch eine wirkliche Stille. Die Welt war weit und unbekannt voller Gefahren und Abenteuer. Kaum 400 Millionen Menschen lebten auf der Erde, heute ca. 7 Milliarden. Die frühesten Angaben zur Bevölkerungszahl bei hov.isgv.de aus dem 16. Jhd. belegen weniger als 100 für Schönfeld, weniger als 1000 für Meißen. Jede und jeder versuchte, mit dem Leben möglichst gut klar zu kommen. Vieles ist Schicksal und das begünstigt die einen und schlägt die anderen. Video: Carmina Burana Frühe Lieder und Texte zeigen uns die Sicht der Menschen auf das Leben, z.B. in der Carmina Burana aus dem 11. bis 13. Jhd. Da dreht sich das Rad der Fortuna vom Anfang bis zum Ende der Zeit. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag kaum über 30 Jahre, besonders wegen der hohen Kindersterblichkeit. Das Denken der meisten Menschen wurde immer stark von Religionen geprägt, so daß für sie der Tod nur einen Übergang zu etwas anderem bedeutete, worauf sie sich schon zu Lebzeiten vorbereiteten. Unser Tammo war anno 1216 mit etwa 30 noch in seinen besten Lebensjahren. Nach www.geni.com soll er um 1185 geboren worden sein und war 1215 stolzer Vater des Johannes von Schönfeld geworden. Dieser wird 1240 als "Dominus" (Herr oder Eigentümer) in Naundorf (heute zu Diera-Zehren; als Hebelei bekannt) erwähnt, also von Zadel in der o.g. Urkunde aus gleich um die Ecke! Und um auch mal einer Dame in der Genealogie der sächsischen Schönfelder Edlen die Ehre zu geben: Ave von Schönfeld war Martin Luthers erste Liebe. Sie flüchtete gemeinsam mit Katharina von Bora und weiteren zehn Nonnen 1523 aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma und folgte Luther. Sicherlich interessant 500 Jahre nach dem berühmten Thesenanschlag zu Wittenberg, auch wenn zwischen Tammo und Ave 300 Jahre lang viel Wasser die Elbe hinunter geflossen war, von Zadel nach Wittenberg.
Wie dem auch sei: neben den uns bekannten Fakten ist vieles auch in Märchen, Mythen und Sagen überliefert oder mutet oft so an. Und wir Menschen haben uns seit Adam und Eva (und Kain und Abel) auch nicht groß verändert. So daß man am Ende sagen möchte: und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute! Und leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Wie in den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat. Es war einmal ...
Macht´s gut und bleibt gesund und munter!
Lothar Oberritter
Video: Im schönsten Wiesengrunde Video: Am Brunnen vor dem Tore Video: Mein Heimatland Video: In einem kühlen Grunde Video: Kein schöner Land Video: Mr.Beans EU-Hymne ; letzte Überarbeitung: 25.2.17 (zu den Meißner Seelnonnen (Beghinen))